Eyetracking & Co: Neue Behandlungsmethoden im Kampf gegen Essstörungen

29.10.2014 | 07:32
Eytracking gegen Magersucht Mediziner wollen Betroffenen mit einem neuen Behandlungsansatz helfen.

"Ein Teil von mir möchte noch in der Magersucht bleiben"

Die einen hungern, die anderen haben Fressattacken: Tausende Menschen in Deutschland leiden unter Essstörungen. Perfektionismus und unbewältigter Stress können Ursachen dafür sein. Mediziner in Tübingen wollen den Betroffenen nun mit einem neuen Behandlungsansatz helfen. Im Gegensatz zu herkömmlichen Therapien, die sich nur auf eine entsprechende Altersgruppe anwenden lassen, soll nun der komplette Krankheitsverlauf des Patienten mit berücksichtigt werden.

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Susanne, so nennen wir sie, leidet seit 17 Jahren an einer Essstörung. Die 34-jährige lebt mit der ständigen Angst zuzunehmen - deswegen isst sie so gut wie nichts. Manchmal, wenn sie doch etwas zu sich genommen hat, erbricht sie anschließend. Im Moment wiegt Susanne 43 Kilogramm. Ihr Normalgewicht läge bei 60. Seit fast sechs Wochen macht sie nun eine Therapie. Es ist bereits ihre zweite. "Die Kraft habe ich schon, aber das ist ambivalent. Ein Teil von mir möchte noch in der Magersucht bleiben. Und der andere Teil, der möchte raus", erzählt sie.

Bei vielen Betroffenen wird die Krankheit "verschleppt"

Um Betroffenen wie Susanne besser und früher helfen zu können, hat die Tübinger Uniklinik ein spezielles Kompetenzzentrum ins Leben gerufen. Im sogenannten 'Eye Tracking Labor' werden den Patienten Bilder von Essen und neutralen Gegenständen gezeigt. Je nachdem, worauf das Auge reagiert, können die Forscher Erkenntnisse darüber gewinnen, wie das Unterbewusstsein der Patientinnen auf Nahrungsreize reagiert.

"Es könnte sein, dass die Magersucht-Patientinnen Nahrung zunächst ganz normal verarbeiten, wie gesunde Frauen auch. Aber nach einer gewissen Zeit den Blick abwenden, weil dann bestimmte Gedanken, die mit der Essstörung verknüpft sind, greifen", sagt Dr. Katrin Giel, Psychologin am Uniklinikum Tübingen.

Laut einer Studie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zeigt ein Fünftel aller Kinder und Jugendlichen im Alter von elf bis 17 Jahren Symptome einer Essstörung, vor allem der Magersucht. Das Problem: Bei vielen Betroffenen wird die Krankheit in diesem Alter nicht richtig behandelt und so quasi "verschleppt". Aber: "50 Prozent der Patientinnen erfahren eine komplette Heilung. Die schlechte Nachricht ist allerdings: Die anderen 50 Prozent haben zum Teil einen chronischen Verlauf. Und gerade die Magersucht ist immer noch die Erkrankung im jungen Erwachsenen-Alter mit der höchsten Sterblichkeitsrate", erklärt Prof. Stephan Zipfel, Ärztlicher Direktor am Uniklinikum Tübingen.

Nicht nur Unter-, sondern auch Übergewicht wird an der Tübinger Uniklinik behandelt - immer mehr Kinder sind davon betroffen. Ihnen will man zum Beispiel mit einem Videospiel helfen - auch präventiv. Dabei müssen sie Aufgaben lösen, Hindernisse überwinden und - sehr wichtig - sich selbst Proviant einpacken.

"Das Ziel ist die Wissensvermittlung aus den drei Säulen Ernährung, Bewegung und Psychosoziales, wobei es bei uns vor allem um Stress und Stressbewältigung geht. Und diese drei Säulen sind die Grundlage für einen gesunden und ausgewogenen Lebensstil", so Dr. Isabelle Mack, Ernährungswissenschaftlerin am Uniklinikum.

Gerade der Aspekt der Frühbehandlung hätte Susannes Leidensweg vielleicht verkürzen können. Sie will nun endlich versuchen, freundlich zu ihrem Körper zu sein - auch wenn es ihr noch immer schwer fällt.