Glyphosat im Urin: "Verheerend für menschliche Gesundheit"

Studie: 70 Prozent haben gift im Urin
"Ich glaube, wir sind alle betroffen", warnt Gentechnik-Expertin Heike Moldauer.

"Ich glaube, wir sind alle betroffen"

Es ist giftig, tötet Pflanzen und soll für Fehlgeburten verantwortlich sein. Jetzt wurde das gefährliche Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat im Urin von Europäern nachgewiesen. Dabei waren auch 70 Prozent der getesteten Deutschen betroffen. Wie konnte es dazu kommen? Und worauf müssen wir jetzt achten? RTLaktuell.de hat mit einer Gentechnik-Expertin gesprochen und erklärt wie gefährlich Glyphosat wirklich ist.

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"Zumindest ist es nicht harmlos", erklärt Heike Moldauer vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), der zusammen mit dem europäischen Dachverband Friends of the Earth (FOE) Urin-Proben von insgesamt 182 Stadtbewohnern aus 18 Ländern auf Glyphosat analysieren ließ. So wisse man nicht, was dies genau für den Menschen bedeutet. Eins sei aber klar: "Herbizide gehören nicht in den Körper und können schädlich sein." Und noch eins sagt sie ganz deutlich: "Ich glaube, wir sind alle betroffen."

Eine beängstigende Vorstellung, denn laut einem Hintergrundpapier des BUND können sich glyphosat-haltige Herbizide verheerend auf die menschliche Gesundheit auswirken: "Es konnte gezeigt werden, dass sie bereits in geringen Dosen toxisch für menschliche Zellen sind, so Embryonal und Plazenta-Zellen." Glyphosat könnte das Hormonsystem negativ beeinflussen irreversible Auswirkungen auf eine Schwangerschaft haben. Im Laborversuch wurden Missbildungen bei Frosch- und Hühner-Embryonen bereits nachgewiesen.

Laut einer Studie ergab sich auch für Frauen in Paraguay, die in einem Radius von einem Kilometer zu Glyphosat-besprühten Feldern leben, eine doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit ein fehlgebildetes Kind zu gebären. In Ecuador und Kolumbien das gleiche Bild. Hier zeigten sich während der Sprühperioden genetische Schäden und eine erhöhte Fehlgeburtsrate. Was aber ist mit Deutschland?

"Hierzulande ist es nicht so schlimm, weil die Herbizide mit Traktoren und nicht mit Flugzeugen verteilt werden", so Moldenhauer. Bedeutet dies, dass auch hierzulande Fehlgeburten möglich sind? "Man kann nichts ausschließen", sagt Moldenhauer. Bevor man Aussagen treffen könne, müsse aber zu dem Thema geforscht werden. Das sei das aller Wichtigste.

Es stellt sich allerdings die Frage, warum nicht eher getestet wurde, wie sich Glyphosat auf den Menschen auswirkt. "Normalerweise muss zunächst einmal die Zulassung regelmäßig überprüft werden." Dies geschieht alle zehn Jahre. 2012 hätte wieder eine Überprüfung angestanden, die EU verschob sie aber auf 2015. "Die Begründung der EU ist fadenscheinig und unverantwortlich", so Moldenhauer. "Man habe angeblich nicht die Kapazitäten gehabt. Die Aussage hat mich wahnsinnig geärgert."

Acht von zehn Brötchen belastet

Wie aber konnte es dazu kommen? "Immer, wenn Verfahren anstehen, kommen die Lobbyisten". So führen die zuständigen Behörden laut BUND keine eigenen Sicherheitstests durch. "Stattdessen verlassen sie sich fast ausschließlich auf die Daten der Hersteller." Die Originaldaten blieben unter Verschluss, könnten nicht überprüft werden. "Die Hersteller müssen nur nachweisen, dass ihre Mittel nicht akut toxisch sind, mehr nicht", erklärt Moldenhauer.

Sie fordert eine unabhängige Überprüfung. "Aber keiner will hinschauen. Es wird totgeschwiegen, alle stellen sich tot." Die Gentechnik-Expertin glaubt daher nicht, dass die dringend benötigten Monitoring-Programme eingeführt werden, "zumindest nicht unter Landwirtschaftsministerin Aigner“.

"Es ist ein Skandal, dass eine kleine Gruppe an Herstellerfirmen und Behörden anonym agieren kann", so Moldenhauer. "Die EU-Regelung schützt nicht die Verbraucher, sondern Geschäftsinteressen." So dürfen Bauern auch kurz vor der Ernte ihre Felder mit dem Herbizid spritzen. Dies solle die Landwirtschaftsministerin verbieten. "Ohne öffentlichen Druck aber wird nichts passieren". Die Verbraucher müssten die Kontrollen vehement einfordern.

Und solange? 'Ökotest' hat Mehl, Haferflocken und Backwaren auf Glyphosat untersuchen lassen. Das Ergebnis: In 14 von 20 Proben wurden sie fündig. Besonders auffallend: Acht von zehn getesteten Brötchen waren belastet. Soll man jetzt auf diese Produkte verzichten? "Man kann schlecht kein Brot mehr essen", meint Moldenhauer. "Ich würde raten auf Bio-Produkte zurückzugreifen, da ist keine Belastung zu erwarten. Diese Produkte aber sind teuer, nicht jeder kann oder will sie sich leisten. "Es gibt keine Lösung für alle", so die Gentechnik-Expertin.

Was also tun? "Die Menschen sollen im Supermarkt nachfragen, ob der eine Belastung ausschließen kann." Aber die Märkte sollten auch von sich aus Tests auf Glyphosat durchführen. "Sowas gehört einfach nicht ins Regal", betont die Expertin "und vor allem – ich betone es nochmal – nicht in den Körper".


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