Hauswächter statt Mieter: So kann man für 200 Euro in einem Haus am See wohnen – in Berlin!

Von Cengiz Ünal

Es ist idyllisch in Berlin-Lichtenrade. Die Kirchenglocken läuten. Enten schwimmen in einem Teich, die Vögel zwitschern. Mittendrin steht ein altes, denkmalgeschütztes Haus. Die ehemalige Dorfschule wurde mit Graffiti besprüht, die Scheiben zerschlagen. Heute wohnen in dem Gebäude zehn Menschen. Sie zahlen alle jeweils knapp über 200 Euro im Monat – und das in Berlin, wo extremer Wohnungsmangel herrscht und die Mieten von Tag zu Tag steigen. Möglich macht es eine holländische Firma, die in leer stehenden Gebäuden Hauswächter einsetzt. Ein Einblick in eine ungewöhnliche Wohnung.

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Gemütlich am Tisch im eigenen Garten: Camelot-Mitarbeiter William Oltmanns erklärt Sophie und André, worauf sie als Hauswächter achten müssen.

André und Sophie leben schon seit fast einem halben Jahr in der ehemaligen Dorfschule. In ihrem neuen Zuhause haben sie Platz, viel Platz. Auf 100 Quadratmetern verteilt haben sie es sich schön eingerichtet. Das Sofa in der einen Ecke, der selbstgebaute Schlafbereich in der anderen. Der begehbare Kleiderschrank ist Sophies Highlight in der Wohnung – auch wenn dieser nur aus zwei Kleiderstangen besteht. Früher wurde hier Mathe gepaukt und Schönschreiben gelernt.

Heute erinnert fast nichts mehr an die frühere Nutzung des Gebäudes – bis auf die langen Gänge, die zu überwinden sind, allein um auf die Toilette zu gehen. Die Waschräume sind dann tatsächlich wie in einer Schule. Mehrere Kabinen und Waschbecken zu haben, ist aber auch für Sophie und André sehr nützlich. Draußen, wo einst Kinder ihre Pausen verbrachten, errichteten die beiden Studenten einen Komposthaufen. An schönen Tagen sitzen sie auch mal um ein Lagerfeuer – das alles im hauseigenen Garten.

Alle profitieren vom Wohnkonzept

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Wer würde nicht gerne in einem Haus am See wohnen? Und das auch noch für 200 Euro im Monat.

Aufmerksam auf die Wohnung wurde das junge Paar über einen Zeitungsartikel der Firma Camelot. "Wir haben uns einfach aus Spaß beworben und waren dann überrascht, dass wir nach drei Tagen schon zur Besichtigung eingeladen wurden." Dann waren sie praktisch auch schon eingezogen. Ihre Aufgabe ist es, das Gebäude zu bewachen und vor Vandalismus zu schützen. Im Gegenzug dürfen sie für einen geringen Betrag darin wohnen. Die günstigsten "Wohnobjekte" in Berlin, wie es in der Firmensprache heißt, gibt es schon ab 180 Euro. Das ist deutlich günstiger als der sonstige Berliner Mietspiegel.

Der einzige Haken des Wohnens zu Spottpreisen liegt darin, dass man als Hauswächter keine Mieterrechte hat. Sobald ein Investor für das Gebäude gefunden wird, müssen die Bewohner innerhalb von vier Wochen raus, es gibt keinen Kündigungsschutz. "Es fühlt sich schon komisch an, aber da muss man halt schnell reagieren", sagt Sophie, die in den letzten Zügen ihres Urban-Design-Studiums ist. "Die Chance, in so zu einem Haus zu wohnen, überwiegt die Unsicherheit."

Camelot schreibt den Bewohnern vor, wie sie sich in den Wohnobjekten zu verhalten haben. Größere Feiern sind untersagt, auch Geburtstagsfeiern müssen angemeldet werden: "In der Regel ist es aber okay", sagt William Oltmanns von Camelot. Der 25-Jährige ist selbst seit vier Jahren Hauswächter und arbeitet inzwischen für die boomende Firma aus Holland. Was dort 1993 als kleiner, lokaler Betrieb startete, entwickelte sich schnell zu einem lukrativen Geschäftsmodell. 2010 expandierte Camelot auch nach Deutschland und besetzt seitdem hierzulande leer stehende Wohnobjekte mit Hauswächtern. Dabei ist das Repertoire an Wohnobjekten sehr unterschiedlich: Verlassene Krankenhäuser, Polizeistationen und Kirchen verwaltet die Firma.

Bevor die Hauswächter in das Gebäude eingezogen waren, wurde in dem Gebäude viel beschädigt. Scheiben wurden eingeschmissen, Hauswände mit Graffiti besprüht. Oltmanns zeigt die Flecken an der Außenfassade, die übermalt wurden. "Seitdem die Hauswächter eingezogen sind, ist hier nichts mehr passiert." So profitieren von diesem Wohnkonzept alle – die Bewohner und die Immobilien-Besitzer. "Ein Wachdienst, der rund um die Uhr aufpassen würde, kostet schnell tausende Euro", so der Camelot-Mann.

Oltmanns erklärt, worauf es ankommt, wenn man sich für ein Wohnobjekt interessiert: "Regelmäßiges Einkommen, eine Kranken- und eine Haftpflichtversicherung sind wichtig, eine Schufa-Auskunft wird benötigt. Sind diese Anforderungen erfüllt, steht eigentlich nichts mehr im Weg." Nach einem persönlichen Gespräch kann man sich in den meisten Fällen auch schon einquartieren. Es wird ständig bundesweit nach Hauswächtern gesucht, momentan sind es über 1.300. Besonders geeignet für diese Art zu wohnen seien Studenten. Gerade zu Semesterbeginn sei die Nachfrage immer sehr groß.

Ein wenig abhängig ist man dann aber auch, wenn man ein günstiges Wohnobjekt ergattert hat: "Wenn man Hauswächter ist, dann muss man einmal im Monat mit einem Besuch rechnen." Dabei werden die Brandschutzvorkehrungen geprüft und der Zustand des Raumes begutachtet. "Letztendlich sollen sich hier keine Ungeziefer ausbreiten."

Trotz allen Einschränkungen hat das Leben in so einem verlassenen Gebäude einige Vorteile, sagen Sophie und André: "Wir haben eine ziemlich gute Gemeinschaft hier." Erst letzte Woche organisierten sie ein großes Grillfest mit allen Bewohnern des Hauses auf dem ehemaligen Schulhof. Dann drehten sie noch eine Runde um den Teich gegenüber der Schule und fütterten die Enten.

Text: Cengiz Ünal, Kamera: Thomas Hilbrecht