Ilka Eßmüller und ihr Mann adoptierten kleine Haitianerin: "Das Glück hatte einige Hürden"

25.02.2015 | 15:48
Ilka Eßmüller, Widiana Büttner, Dr. Boris Büttner, Lasse Büttner Ilka Eßmüller und ihr Mann mit den Kindern Widiana und Lasse

Ilka Eßmüller im Interview

RTL-'Nachtjournal'-Moderatorin Ilka Eßmüller (50) und ihr Mann Dr. Boris Büttner (43) freuen sich über Familienzuwachs. Sohn Lasse (5) hat im Dezember eine Schwester bekommen. Die kleine Widiana (2) kommt aus einem Kinderheim in Port-au-Prince auf Haiti und wird jetzt eine echte Kölnerin. Doch der Weg dahin war lang und aufwendig. Knapp drei Jahre dauerte es, bis mit Hilfe des Vereins 'HELP a Child e.V.' alle Hürden genommen und Formalitäten erledigt waren. Jetzt ist das Kleeblatt endlich glücklich beieinander.

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Wie kamen Sie darauf, ein Kind zu adoptieren? Wir hatten immer den Wunsch, zu viert zu sein. Lasse sollte, wenn möglich, nicht als Einzelkind aufwachsen. Die Idee, ein Kind zu adoptieren, es positiv zu begleiten und ihm somit die Chance auf ein hoffentlich gutes Leben zu geben, ist dann langsam gewachsen. Man hat – wie immer bei Kindern – eine große Verantwortung. Es ist eine Umstellung für die ganze Familie. Deshalb haben wir es uns zuvor auch gut und in Ruhe überlegt. Natürlich ist alles auch ein kleines Abenteuer. Aber für uns war es eine Herzensentscheidung.

Wie hat Lasse auf die Idee reagiert? Er fand das großartig, endlich ein Geschwisterchen zu bekommen. Viele seiner Freunde haben auch Geschwister. Daher war für ihn immer eher die Frage, warum er keine hat. Wir haben ihn von Anfang an – natürlich kindgerecht – miteinbezogen. Das wirklich Wundervolle ist, dass sich Lasse nicht nur auf seine Schwester gefreut hat, sondern dass er sie auch jetzt, da sie da ist, komplett annimmt und ins Herz geschlossen hat.

Wie sind Sie vorgegangen, und wie aufwendig ist es, ein Kind zu adoptieren? Wir haben uns erst einmal umgehört und schlau gemacht, wie und mit wessen Hilfe man seriös ein Kind adoptieren kann. Uns war relativ schnell klar: Wenn, dann wollten wir ein Kind adoptieren, dem wir hoffentlich die Möglichkeit auf ein besseres Leben geben. Mit dem Verein 'HELP a Child e.V. - Kinder finden Eltern' ist es dann konkret geworden. Der Aufwand, ein Kind aus dem Ausland zu adoptieren, ist immens!

Was waren die größten Hürden? Das waren sicherlich der enorme Papierkram und der behördliche Aufwand. Wer ein Kind adoptieren will, muss – natürlich zu Recht – komplett alles gleich mehrfach offenlegen und belegen. Das war enorm umfangreich. Ich habe Ämter kennengelernt, in denen ich noch nie war. Die allesamt freundlichen Beschäftigten dort haben durchblicken lassen, dass es gar nicht eine so große Ausnahme ist, ein Kind aus dem Ausland zu adoptieren. Was ich als Nicht-Juristin außerdem gelernt habe, ist, dass Dokumente überbeglaubigt werden können und in dem Fall oft mussten. Und dass es einen Unterschied gibt zwischen Überbeglaubigungen und Postillen. Das ist internationale Bürokratie "at its best". Die vorbereitenden Seminare waren ein Klacks dagegen.

"Für uns ist das Familien-Kleeblatt jetzt komplett"

Ilka Eßmüller und Tochter Widiana Ilka Eßmüller ist sichtlich stolz auf ihren kleinen Sonnenschein.

Und wie stellt man sich auf die neue Situation ein? Da gibt es sicherlich keinen Standardweg. Man muss man selbst sein. Familienerfahrung haben wir ja, das hilft gewiss ein bisschen. Das Wichtigste ist, dass Widiana vollstes Vertrauen zu uns aufbaut und sich in ihrer neuen Familie, also bei uns, sehr wohl und komplett zugehörig fühlt. Bisher gelingt das sehr gut. Auch unser Sohn muss weiter seinen angestammten Platz haben.

Wer entscheidet über Alter und Geschlecht des Kindes, oder hatten Sie die Wahl? Nein, die Wahl hatten wir nicht. Aber das Heim in Port-au-Prince und die entsprechenden Stellen in Haiti achten oft auf zwei Dinge: Das Adoptivkind soll idealerweise jünger sein als das leibliche Kind bzw. das Kind, das schon in der Familie ist. Der Erstgeborene soll der Ältere, also der "Chef" bleiben. Außerdem wird meist das andere Geschlecht vermittelt, weil es für weniger Konfliktstoff unter den neuen Geschwistern sorge. So haben wir nun einen Jungen und ein Mädchen – wunderbar!

Wie haben Sie sich dann vorbereitet? Wir haben uns zum Thema eingelesen, haben mit anderen Adoptiveltern gesprochen und mit Menschen, die sich schon lange mit Adoptionen befassen. Mit Lasse haben wir natürlich auch über die Schwester in spé geredet und ihm Fotos gezeigt, als wir welche hatten. Ansonsten sind wir einfach unserem Bauchgefühl gefolgt.

Wie war die erste Kontaktaufnahme? Die Besuchsreise war natürlich schon mit einer ordentlichen Portion Spannung verbunden. Nach der langen Anreise haben uns die Betreuer im Heim in Port-au-Prince extrem nett begrüßt und sehr schnell unsere Tochter in spé geholt. Sie war zunächst zurückhaltend und skeptisch. Wir fanden das genau richtig. Sie hat sofort einen Platz in unserem Herzen erobert. Als wir sie dann Monate später aus dem Kinderheim abgeholt haben, war sie schon ganz anders. Viel zugänglicher, offener. Sie wollte schnell auf den Arm, hat gelacht, mit uns gespielt.

Widiana ist ein kleines schwarzes Mädchen. War das eine bewusste Entscheidung? Hautfarbe oder Geschlecht waren nie ein Entscheidungskriterium für uns. Aber wir haben uns schon bewusst dafür entschieden, ein Kind aus einer Region zu adoptieren, in der es wahrscheinlich keine großen Zukunftsperspektiven haben würde, und ihm hier hoffentlich Besseres zu ermöglichen. Die Entscheidung für Haiti war dann automatisch auch eine Entscheidung für ein Kind mit dunkler Hautfarbe. Dass damit zukünftig auch mal Herausforderungen verbunden sein können, ist uns bewusst. Aber das meistern wir zusammen!

Hatten Sie die Möglichkeit, den Namen des Kindes zu ändern? Das kam für uns nie in Frage. Widiana ist ein wunderschöner Name, und es hat sich ja sonst schon alles für sie verändert. Wir haben überlegt, ihr noch einen zusätzlichen Vornamen zu geben, aber da stellt das deutsche Namensrecht - wie ich jetzt beim Standesamt erfahren habe - so hohe Ansprüche, dass es einfach bei Widiana bleibt. Widiana Büttner, klingt doch gut.

Wie war die Heimreise? Sehr lang. Nach Haiti zu reisen und zurück, ist umständlich. Aber beide Kinder haben es bestens gemeistert. Widiana war sehr aufmerksam und hat alles genau beobachtet. Sie kannte ja kaum etwas außerhalb des Kinderheims. Irgendwann waren beide Kids so müde, dass sie einfach eingeschlafen sind. Wir hatten alles dabei, inkl. Schnuller für die Kleine. Den hat sie zwar kurz getestet, allerdings eher drauf herumgebissen als genuckelt, und dann ignoriert. Sie kennt gar keinen Schnuller und braucht ihn wohl auch nicht. Sehr praktisch!

Wie waren die ersten Tage in der neuen Heimat? In jedem Fall sehr dynamisch (lacht). Widiana ist ein kleines, sehr mutiges und entschlossenes Persönchen. Sie weiß schon genau, was sie will und was nicht, und bringt das deutlich zum Ausdruck. Sie bewegt sich gern, tanzt und ahmt Dinge sehr schnell nach. Sie hat eine erstaunliche Körperspannung und ist hart im Nehmen, wenn sie mal hinfällt. Ein kleiner Sonnenschein. Von Anfang an hat Widiana unsere Nähe gesucht, sie holt sich ganz selbstverständlich ihre Schmuseeinheiten, was ja ein sehr gutes Zeichen ist. Insgesamt haben wir alle schon viel voneinander gelernt.

Für alle Kinder aus armen Ländern spielt Essen zunächst eine zentrale Rolle. Im Heim gab es oft Reis mit Bohnen, auch mal Fleisch oder Gemüse, aber sicherlich alles nicht im Überfluss. Deshalb sichern sich die Kinder erst einmal alles Essbare und kennen keinen Stopp. Unsere Tochter hat aber bereits dazu gelernt und wird entspannter bei den Mahlzeiten. Der Supermarkt sieht uns trotzdem nur, wenn alle satt sind. Aber das ist ja eh ratsam.

Und wie hat Lasse auf seine neue Schwester reagiert? Lasse hat seine Schwester zu unserer großen Freude und Erleichterung sofort ins Herz geschlossen. Sie bekommt oft morgens sogar ein Küsschen, was aber nicht immer auf Gegenliebe stößt. Womöglich haben wir da jetzt einen kleinen Morgenmuffel unter uns (lacht). Lasse spielt oft mit ihr, dann laufen die beiden meistens irgendwo zusammen herum und lachen sich kaputt. Das ist herrlich zu beobachten. Aber er gibt auch zu verstehen, wenn er keine Lust auf sie hat. Dann geht die Kinderzimmertür zu und er macht sein Lasse-Ding. Wir finden es gut und wichtig, dass er sich auch abgrenzt. Er war schließlich fast fünf Jahre der alleinige Prinz zu Hause! Aber man merkt ihm schon an, wie stolz er auf seine kleine Schwester ist.

Was waren und sind evtl. auch noch Ihre größten Bedenken? Ehrlich gesagt haben wir keine Bedenken. Es entwickelt sich auch tatsächlich alles gut. Liebe geben und Vertrauen aufbauen, das ist das Wichtigste, glaube ich. Wir lassen Widiana spüren, dass sie ein ganz fester Teil dieser Familie ist, die jetzt ja auch ihre ist. Sie kann immer auf uns bauen. Und wenn Widiana später einmal fragt, woher sie kommt und warum wir sie adoptiert haben, werden wir es ihr liebevoll und altersgerecht erklären. Wer weiß, vielleicht möchte sie auch mal Haiti näher kennen lernen.

Welchen Rat würden Sie Paaren geben, die gerne ein Kind adoptieren wollen? Man sollte sich eine so weitreichende Entscheidung gut überlegen, und man sollte seinem Herzen folgen. Man hat ja eine sehr große Verantwortung, die auch mit Hürden verbunden sein kann. Von daher ist die nicht unerhebliche Vorlaufzeit und die Tatsache, dass man sozusagen auf Herz und Nieren geprüft wird, auch gleichzeitig eine wichtige Zeit der Prüfung für einen selbst. Im Vorfeld sollte man sich gründlich informieren, wer seriöse Partner oder Fördervereine bei einer Adoption sein können.

Wird es noch weitere Adoptiv-Geschwister geben? Wir sind glücklich, mit Widiana einen so aufgeweckten Wirbelwind in unserer Mitte zu haben. Für uns ist das Familien-Kleeblatt jetzt komplett.

Wann werden Sie nach der Familienauszeit wieder für das RTL-'Nachtjournal' "on air" gehen? Ich werde voraussichtlich ab Mai wieder als Moderatorin um Mitternacht zu sehen sein. In der Zwischenzeit freue ich mich, dass ich mit Isabelle Körner und Maik Meuser so gute Moderations-Kollegen habe. Mit dem Nachtjournal-Team bin ich auch jetzt von zu Hause aus regelmäßig in Kontakt.

Bildquelle: Sabine Malina / Roba Images