In Leverkusen gehen die Uhren anders: "Willy Brandt muss Kanzler bleiben"

Ein Wahlplakat des ehemaligen Bundeskanzlers Willy Brandt steht am 07.09.2017 in Leverkusen (Nordrhein-Westfalen) am Straßenrand. Ob das Wahlplakat aus dem Jahr 1972 Einfluss auf den Ausgang der Bundestagswahl am 24.09.2017 haben wird, ist nicht abse
Passend: Das Plakat steht am Willy-Brandt-Ring in Leverkusen. © dpa, Federico Gambarini, fg cul

Niemand weiß, wer das Willy-Brandt-Plakat aufgestellt hat

In zwei Wochen wird ein neuer Bundestag gewählt und wenn man Umfragen und Experten Glauben schenken kann, hat es sich damit auch. Denn ein neuer Regierungschef scheint nicht in Sicht - ungeachtet aller Bemühungen des SPD-Kandidaten Martin Schulz. Vielleicht beschwören die Sozialdemokraten deswegen die "gute alte Zeit" und bringen jenen Mann ins Spiel, der 1969 als erster Nicht-CDU-Politiker eine Bundesregierung führte: Willy Brandt.

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SPD: "Danke an alle, die uns im Wahlkampf unterstützen wollen"

Jetzt gibt er ein überraschendes Comeback, 25 Jahre nach seinem Tod. Viele Beobachter trauen ihren Augen nicht, als sie in Leverkusen ein Wahlplakat mit dem Bild des 1992 gestorbenen Ex-Bundeskanzlers entdecken. "Willy Brandt muss Kanzler bleiben. Deshalb: SPD", steht auf diesem Dokument der Zeitgeschichte. Symbolträchtigerweise steht der historische Aufruf zur Bundestagswahl 1972 am Willy-Brandt-Ring in der Leverkusener Innenstadt.

Bei der örtlichen SPD weiß man nicht, wer Willy Brandt reaktiviert hat. "Das ist nicht von uns veranlasst", sagte die Vorsitzende Aylin Dogan. "Aber danke an alle, die uns da im Wahlkampf unterstützen wollen." Die lustige Aktion, die der 'Kölner Stadt-Anzeiger' entdeckt hatte, verbreitete sich zügig in den sozialen Medien und wurde fleißig kommentiert.

"Kniefall von Warschau" ging um die ganze Welt

Historische Szene: Bundeskanzler Willy Brandt kniet am 07. Dezember 1970 vor dem Mahnmal im einstigen jüdischen Ghetto in Warschau, das den Helden des Ghetto-Aufstandes vom April 1943 gewidmet ist. Brandt eroberte mit seinem "Kniefall" die Herzen der
Willy Brandt kniet am 7. Dezember 1970 vor dem Mahnmal im einstigen jüdischen Ghetto in Warschau, das den Helden des Ghetto-Aufstandes vom April 1943 gewidmet ist. © picture alliance / dpa, dpa

Willy Brandt wurde am 21. Oktober 1969 als Nachfolger des CDU-Politikers Georg Kiesinger zum vierten Bundeskanzler gewählt. Mit seinem Credo "Wir müssen mehr Demokratie wagen" ging er in die deutsche Nachkriegsgeschichte ein. Brandt begründete den deutsch-deutschen Dialog und bereiste als erster Bundeskanzler die DDR.

Das Bild von seiner symbolträchtigen und bewegenden Geste an der Gedenkstätte des Ghetto-Aufstandes, der berühmte Kniefall von Warschau, ging am 7. Dezember 1970 um die ganze Welt. Brandt erwarb sich große Verdienste in der Ost-West-Entspannungspolitik und wurde 1971 mit dem Friedensnobelpreis geehrt.

1972 wurde er als Bundeskanzler wiedergewählt. Seine zweite Amtszeit endete 1974 vorzeitig, er trat nach der Affäre um seinen Berater Günter Guillaume, einen DDR-Spion, zurück und wurde von Helmut Schmidt abgelöst.