Jugendämter: Vernachlässigung und Misshandlung häufigste Kindeswohlgefährdungen

107.000 Gefährdungen in 2012 geprüft

Erstmals hat das Statistische Bundesamt Zahlen zu Kindeswohlgefährdungen erhoben. Demnach mussten die Jugendämter im Jahr 2012 knapp 107.000-mal ausrücken, um nach gefährdeten Kindern zu sehen. Bei einem Drittel der Verfahren haben sich die Hinweise von Polizei, Nachbarn oder Lehrern bewahrheitet – es lag eine akute oder latente Kindeswohlgefährdung vor. Dabei wiesen die meisten Kinder Anzeichen von Vernachlässigung, psychischer oder körperlicher Misshandlung auf.

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Neben Vernachlässigung werden Kinder auch durch psychische Misshandlungen gequält.
Neben Vernachlässigung werden Kinder auch durch psychische Misshandlungen gequält. © picture-alliance / dpa, Patrick Pleul

Von allen Verfahren bewerteten die Jugendämter 17.000 (16 %) eindeutig als Kindeswohlgefährdungen („akute Kindeswohlgefährdung“). Bei 21.000 Verfahren (20 %) konnte eine Gefährdung des Kindes nicht ausgeschlossen werden („latente Kindeswohlgefährdung“).

Zwei von drei Kindern, bei denen eine akute oder latente Kindeswohlgefährdung vorlag, wiesen Anzeichen von Vernachlässigung auf. In 26 Prozent der Fälle und damit bei gut jedem vierten Kind wurden Anzeichen für psychische Misshandlung festgestellt. Diese Art der Misshandlung kann sich zum Beispiel durch "Liebesentzug" oder Missachtung äußern, erklärt der stellvertretende Jugendamtsleiter aus Köln, Klaus Peter Völlmecke, RTLaktuell.de. Ähnlich häufig wiesen die Kinder Anzeichen für körperliche Misshandlung auf. Anzeichen für sexuelle Gewalt wurden in fünf Prozent der Gutachten festgestellt.

Misshandelte Kinder oft unter drei Jahre alt

Das Erschreckende: Jedes vierte Kind, bei dem ein Verdacht auf Kindeswohlgefährdung vorlag, war keine drei Jahre alt. "In dem Alter haben sie noch keine Chance, sich selbst zu wehren", sagt Völlmecke. Drei- bis fünfjährige Kinder waren zu 20 Prozent betroffen, Sechs- bis Neunjährige zu 22 und Zehn- bis 13-Jährige zu 18 Prozent. Am wenigsten musste das Jugendamt wegen Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren ausrücken.

Die Abschätzung des Gefährdungsrisikos erfolgt bei Jugendämtern in Zusammenwirkung mehrerer Fachkräfte. Eine Kindeswohlgefährdung liegt vor, wenn eine erhebliche Schädigung des körperlichen, geistigen oder seelischen Wohls des Kindes bereits eingetreten oder mit ziemlicher Sicherheit zu erwarten ist und die Eltern nichts unternehmen. Das Jugendamt muss der Familie dann Hilfe anbieten.

Völlmecke zufolge hat die Zahl der Hinweise auf Kindesgefährdungen in den vergangenen sieben bis acht Jahren stark zugenommen. Zum einen hätten Berichte etwa über den Fall Kevin aus Bremen die Sensibilität der Bürger gesteigert. Die Leiche des Zweijährigen wurde 2006 im Kühlschrank seines drogensüchtigen Ziehvaters gefunden, nachdem das Jugendamt mehrmals eingeschritten war. Aber auch öffentliche Einrichtungen wie Schulen oder Kindertagesstätten greifen durch Fälle wie diesen heute schneller zum Telefon, wenn ihnen etwas Komisches bei den Kindern auffällt.

Auch wenn viele Eltern ihre Überforderung zugäben und mit dem Jugendamt kooperierten, so Völlmecke, nicht immer kann das Kindeswohl etwa durch die Hilfe von Sozialarbeitern innerhalb der Familie garantiert werden. In zehn bis 20 Prozent der Fälle muss das Kölner Jugendamt eingreifen und das Kind zeitweilig oder dauerhaft den Eltern wegnehmen.


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