Keine Hoffnung mehr im Fall Inga? - Experte: "Polizei kann nur noch wenig tun"

Bisher blieb jede Suche erfolglos
Polizisten durchsuchen Anfang Juni ein Waldstück in Wilhelmsdorf bei Stendal. © dpa, Florian Voigt

"Je mehr Zeit vergeht, desto schmerzhafter wird es"

Rund zwei Monate ist es nun her, dass die kleine Inga aus Schönebeck Anfang Mai in einem Wald bei Stendal verschwand. Zwei Monate, in denen die Polizei zwar viele Hinweise, aber nie eine heiße Spur zu der Fünfjährigen bekam. In einem Interview berichtet der Vorsitzende der 'Initiative Vermisste Kinder', Lars Bruhns, wie Familien mit so einer Situation umgehen. Allzu viel Hoffnung auf eine Aufklärung des Falls kann er den Angehörigen dabei nicht machen.

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Gibt es in solchen Situationen mit zwei Monaten Ungewissheit einen Weg zurück in eine Art Alltag?

Bruhns: "Für das Umfeld des vermissten Kindes ist es extrem schwierig. Dieser Schwebezustand durch die Ungewissheit ist aus unserer Erfahrung sehr schwer greifbar. Je mehr Zeit vergeht, desto schmerzhafter wird es und desto mehr verzweifeln viele Angehörige. Allerdings ist es sehr individuell, wie Familien damit umgehen. Manchen tut es gut, die gewohnte Umgebung zu verlassen, anderen hilft gerade der Halt des Umfelds."

Was kann die Polizei nach wochenlanger Suche jetzt noch tun?

"Leider eher wenig, sagt uns die Erfahrung mit früheren Vermisstenfällen. Entscheidend sind die ersten Stunden und Tage nach dem Verschwinden. Je schneller die breite Öffentlichkeit informiert ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Zeuge findet. Im Fall Inga ist wirklich viel versucht worden. Unsere Erfahrung sagt uns leider, dass oft gerade Fälle mit kleinen Kindern nie oder eher zufällig aufgeklärt werden. Die Polizei muss weiter ermitteln. Aber alles, was man für eine Fahndung weiter veröffentlicht, ist jetzt nicht mehr so ergiebig."

Sie hatten ein zentrales Expertenteam gefordert, das beim Verschwinden kleiner Kinder bundesweit die Suche koordiniert. Wie kommt ihre Idee an?

"Nach unseren bisherigen Gesprächen scheint eine bundesweit zentrale Einheit derzeit utopisch. Wir haben von vielen Landespolizeibehörden eine Rückmeldung, dass das mit den föderalen Strukturen nicht vereinbar ist. Der Ansatz ist aber nach wie vor richtig. Wir schlagen vor, dass man eine Expertenstelle je Bundesland einrichtet - und hoffen, dass erstmal ein Land unsere Idee aufgreift. Andere Länder wie die USA und Polen zeigen, wie wichtig kontinuierlich arbeitende Spezialisten bei Vermisstenfällen sind, die sofort über alle Kanäle die Öffentlichkeit informieren und alle wichtigen Maßnahmen einleiten. Bei der derzeitigen deutschen Regelung sind viele Absprachen nötig, die gerade direkt nach dem Verschwinden so viel wertvolle Zeit kosten."

Zur Person: Lars Bruhns ist der Vorsitzende der 'Initiative Vermisste Kinder'. Der 34-Jährige arbeitet seit 17 Jahren in dem Hamburger Verein mit, der einst von seiner Mutter gegründet wurde. Die Initiative bietet Unterstützung an - sowohl den Familien, als auch den Ermittlern. Auch im Fall Inga halfen sie bei der Öffentlichkeitsfahndung. Bruhns hat Jura studiert.


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