Koma-Patienten – das Leben im Nichts

Koma-Patient an Geräte angeschlossen.
Koma-Patient an Geräte angeschlossen. Manche Leben gegen ihren eigenen Willen.

"Viele Koma-Patienten müssen gegen ihren Willen leben"

Angeschlossen an Maschinen leben Koma-Patienten oft noch lange. Ist das Segen oder Fluch? Wer in gesunden Tagen seinen Sterbewillen für diesen Fall geäußert hat, muss auch sterben dürfen, fordert ein Medizinrechtler. Er kämpft gegen juristische Irrtümer.

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Das Drama um Prinz Johan Friso hat das Schicksal von Koma-Patienten in den Blick gerückt: Tausende Menschen liegen in Deutschland im Wachkoma, wie Sterberechts-Experte Wolfgang Putz schätzt. Oft viele Jahre, manchmal jahrzehntelang. "Und obwohl die Rechtslage inzwischen eindeutig ist, müssen viele Patienten gegen ihren eigentlichen Willen weiterleben", kritisierte der Anwalt. Das Sterben werde häufig von der Emotionalität von Heimträgern, Ärzten und Angehörigen verhindert.

Angehörige, die ein würdevolles Sterben durchsetzen wollten, bekämen etwa zu hören: "Das ist Mord, wenn du den Willen deiner Mutter ausführst. Dann wirst du ausgestoßen", berichtet der Medizinrechtler. Der Münchner Anwalt kennt Hunderte solcher Fälle, viele aus eigener Berufspraxis. Erst kürzlich half er durchzusetzen, dass eine Frau aus Hessen nach über 20-jährigem Koma "sterben durfte", wie Putz sagt.

Der Anwalt kämpft nach eigenen Worten gegen "selbst ernannte Lebensschützer" und weit verbreitete rechtliche Fehlinformationen. "Immer noch glauben viele, dass das Beenden einer Beatmung oder Ernährung strafbar sei. Was falsch ist."

Entscheidend seien nach deutschem Recht vielmehr zwei Punkte: "Zunächst muss der Arzt entscheiden, ob er noch eine Rechtfertigung dafür hat, den Koma-Patienten mit Maschinen am Sterben zu hindern." Falls nein, entscheide der frühere Wille des Patienten. Ganz gleich, ob dieser kurz vor Beginn des Komas formuliert worden sei oder vor vielen Jahren.

Unerheblich ist dem Experten zufolge, ob der Patient den Sterbewillen für den Koma-Fall in einer Patientenverfügung festgehalten oder nur ausgesprochen hat: "Das Recht stellt das gleich." Es zähle auch, was der Patient etwa in einem ernsthaften Gespräch im Familienkreis gesagt habe. Nicht jedoch, was er "beim Bier mit Kollegen so dahingesagt hat. Auf einer solchen Grundlage darf man ihn nicht sterben lassen".

Der Wille des Patienten muss respektiert werden

Immer wieder hört Putz dieses Argument für ein langes Weiterleben an Magensonde und Beatmungsmaschine auch ohne Aussicht auf Besserung: Vielleicht bekomme der Patient ja noch mehr mit als gedacht? "Dazu sage ich: Umso schlimmer, wenn er noch etwas mitbekommt, denn genau das wollte er ja nicht."

Denn fast jeder, der zum Thema Patientenverfügung beraten werde, sage: "Ich möchte nicht miterleben müssen, wie ich tagein tagaus aus auf dem Rücken liege, an die Decke starre, wie eine Leiche behandelt werde und mit meinen Verwandten keinen Kontakt mehr aufnehmen kann." Dieser Wille müsse dann später auch respektiert werden.

Sein Engagement brachte dem Anwalt zunächst eine Verurteilung wegen versuchten Totschlags ein, die aber 2010 vom Bundesgerichtshof aufgehoben wurde. Putz hatte einer Mandantin geraten, den Ernährungsschlauch durchzuschneiden, über den ihre seit Jahren im Wachkoma liegende Mutter versorgt wurde. Die Patientin hatte ihrer Tochter gesagt, dass sie in einem solchen Fall nicht künstlich ernährt werden wolle. Das Heim hatte sich aber geweigert, die Ernährung zu beenden.