Marcel Reich-Ranicki ist tot

18.09.2013 | 17:22
Marcel Reich-Ranicki tot Marcel Reich-Ranicki ist im Alter von 93 Jahren gestorben.

"Deutschland verliert einen großen Menschen“

Deutschlands berühmtester Literaturkritiker ist tot. Marcel Reich-Ranicki starb am Mittwoch in Frankfurt im Alter von 93 Jahren. Dies teilte die 'Frankfurter Allgemeine Zeitung' mit, für die Reich-Ranicki lange arbeitete.

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Der scharfzüngige 'MRR', der am 2. Juni 1920 in Wloclawek an der Weichsel als Sohn einer jüdischen Familie geboren wurde, wuchs in Berlin auf. Zusammen mit seiner Frau überlebte er das Warschauer Ghetto und kehrte 1958 nach Deutschland zurück. Im März 2013 hatte der seit längerem gesundheitlich angeschlagene Reich-Ranicki seine Krebserkrankung öffentlich gemacht. Seine Frau Teofila starb bereits im April 2011 im Alter von 91 Jahren.

Einem Millionenpublikum wurde der Kritiker vor allem mit der Sendung 'Das Literarische Quartett' bekannt, die er seit 1988 fast 14 Jahre lang moderierte. Neben zahlreichen anderen Büchern veröffentlichte 'MRR' 1999 seine Autobiografie 'Mein Leben', die zum Bestseller wurde. Das Buch wurde nach Verlagsangaben mehr als 1,2 Millionen Mal verkauft. Die Deutsche Verlags-Anstalt äußerte sich bestürzt über den Tod Reich-Ranickis. "Mit ihm verliert die Deutsche Verlags-Anstalt einen ihrer herausragendsten Autoren. Wichtiger noch: Die Welt der Literatur verliert den bedeutendsten und einflussreichsten Kritiker und Vermittler von Literatur nach 1945“, so Verlagsleiter Thomas Rathnow.

Bundespräsident Joachim Gauck hat Reich-Ranicki als "leidenschaftlichsten Streiter und entschiedensten Anwalt" der deutschen Literatur gewürdigt. "Alle haben ihn geachtet, viele haben ihn geliebt, wir alle werden ihn vermissen."

Gottschalk: Er hat mehr getan als manch Kultur-Politiker

Auch Politiker aller Parteien trauern um den bekannten Literaturkritiker. "Wir verlieren in ihm einen unvergleichlichen Freund der Literatur, aber ebenso der Freiheit und der Demokratie", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Nicht einmal der mörderische Hass der Nazis habe ihm seine Liebe zu den deutschen Dichtern austreiben können. Man könne nur dankbar dafür sein, dass der Sohn einer jüdischen deutsch-polnischen Familie, der Verwandte in den NS-Vernichtungslagern verloren habe, sein Zuhause wieder in Deutschland gefunden und dem Land so viel gegeben habe.

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) würdigte ihn als eine der wichtigsten Größen der deutschen Literatur. "Seine stets klare Sprache hat über viele Jahrzehnte die Debatten in unserem Land bereichert, seine Liebe zur deutschen Literatur viele Menschen in unserem Land beflügelt." Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel bezeichnete Reich-Ranicki als "scharfsichtigen Kritiker". Er sei "ein brillanter Literaturvermittler und eine faszinierende wie vielschichtige Persönlichkeit" gewesen, erklärte Gabriel. "Deutschland verliert einen bedeutenden Publizisten und großen Menschen. Er wird uns allen fehlen.“

Entertainer Thomas Gottschalk (63) hob Reich-Ranicki als Persönlichkeit hervor, die mit ihrer "Literaturkritik eine Landschaft, die für viele Menschen grau ist, bunt gemacht" hat. "Er hat für Deutschland mehr getan als die meisten Kultur-Politiker. Mit seinen Memoiren hat er uns nichts vergessen, aber vieles vergeben." Gottschalk hatte Reich-Ranicki zu einer TV-Talkshow im Oktober 2008 eingeladen, nachdem dieser den Deutschen Fernsehpreis zurückgegeben hatte. Auch diente Reich-Ranicki Gottschalk als Telefonjoker bei der Prominentenausgabe der RTL-Show 'Wer wird Millionär?'.

Noch bis ins hohe Alter gab der wortgewaltige Reich-Ranicki in der Literaturszene den Ton an. Bis zuletzt veröffentlichte er Kolumnen in der 'Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung'. Legendär wurden seine öffentlichen Kontroversen mit prominenten Schriftstellern wie Günter Grass oder Martin Walser. Im Oktober 2008 entfachte er eine Debatte über das Niveau im deutschen Fernsehen, als er vor laufenden Kameras den Deutschen Fernsehpreis ablehnte und den "täglichen Blödsinn" im TV kritisierte.

1995 ließ 'MRR' in einem Verriss im 'Spiegel' und im Fernsehen kein gutes Haar an Grass' neuem Buch 'Ein weites Feld'. Damit trat er eine hoch emotionale Debatte über die Frage los, wie weit Literaturkritik gehen darf. Reich-Ranicki teilte jedoch als Kritiker nicht nur aus: Er musste auch viel einstecken. Mitte der 1990er Jahre sah er gezwungen, seine Rolle im kommunistischen Polen nach dem Zweiten Weltkrieg und seine Tätigkeit für den Geheimdienst zu verteidigen.

Martin Walser, den mit Reich-Ranicki eine in der Öffentlichkeit heftig ausgelebte Abneigung verband, veröffentlichte 2002 einen Roman unter dem Titel 'Tod eines Kritikers' (2002). 'FAZ'-Herausgeber Frank Schirrmacher wertete das als Abrechnung mit dem Literaturbetrieb gedachte Buch als "Exekution" Reich-Ranickis. Trotz der Vorwürfe, das Buch bediene antisemitische Klischees, veröffentlichte der Suhrkamp Verlag den Roman. Eine Aussöhnung mit Walser kam nie zustande. Reich-Ranicki hatte an seinem 90. Geburtstag nochmals auf einer Entschuldigung des Schriftstellers bestanden.

Marcel Reich war von 1960 an Literaturkritiker der Wochenzeitung 'Die Zeit'. 1973 ging er mit Joachim Fest zur 'FAZ' und leitete dort bis 1988 die Literatur-Redaktion. Bis zuletzt arbeitete er jedoch weiter für die Zeitung als Kritiker und Redakteur der 'Frankfurter Anthologie'.

Im August 2006 erklärte 'MRR' seinen endgültigen Abschied vom 'Literarischen Quartett', in dem er zuletzt noch in Sondersendungen mitwirkte. Ein halbes Jahr zuvor war er nach einer Sendung zum 150. Todestag von Heinrich Heine, einem seiner Lieblingsautoren, mit Herzbeschwerden ins Krankenhaus eingeliefert worden.

Reich-Ranicki, der unter den Nazis nicht studieren durfte, erhielt für seine Arbeit zahlreiche Ehrungen und neun Ehrendoktorwürden - zuletzt von der Humboldt-Universität Berlin und der Universität Tel Aviv. In der israelischen Stadt wurde außerdem ein nach Reich-Ranicki benannter Lehrstuhl für deutsche Literatur eingerichtet.

Bildquelle: dpa bildfunk