Müller schockt Portugal und verblüfft Löw

Zum WM-Start 2014 macht Thomas Müller da weiter, wo er 2010 in Südafrika aufgehört hat: er trifft und trifft. Mit seinem Dreierpack ist er beim Traumstart gegen Portugal der Mann des Spiels - obwohl nicht einmal Bundestrainer Joachim Löw seine Spielweise wirklich durchschaut.

- Anzeige -
Thomas Müller, Deutschland, Portugal, WM 2014
Thomas Müller bejubelt seinen Treffer zum 3:0. © dpa, Andreas Gebert

In der 82. Minute wurden die Wege des Thomas Müller auf dem Rasen der Arena Fonte Nova doch noch ergründlich. Das Trikot aus der Hose, die Stutzen auf Knöchelhöhe, schlug Müller keine Haken mehr, er schlich sich nicht mehr in den Rücken seiner Gegenspieler, sprintete auch nicht spontan in Räume, die zuvor nur er gesehen hatte. Diesmal trabte Müller schnurstracks zur Seitenlinie, klatschte ab mit Lukas Podolski, dem Bundestrainer, den anderen Spielern auf der deutschen Bank - und genoss, wie er das Stadion zum vierten Mal an diesem heißen Fußballnachmittag in Salvador de Bahia zum Beben brachte.

Drei der vier deutschen Tore hatte Müller zuvor in seinem 50. Länderspiel zum surrealen WM-Auftakt des DFB-Teams gegen Portugal beigesteuert, "eines schöner als das andere". "Bei Weltmeisterschaften", stellte der 'Man of the Match' trocken fest, "läuft es bisher nicht schlecht."

Der erst sechste deutsche Dreierpack der WM-Geschichte verblüffte auch Bundestrainer Joachim Löw. Der tat sich nach dem unerwarteten Traumstart leicht damit, seinen treffsicheren "falschen Neuner" zu loben - und schwer, dessen unglaubliche Torquote zu erklären. Nach seinen fünf Treffern 2010 beim Turnier-Debüt in Südafrika kommt Müller nun auf acht Tore in sieben WM-Spielen. Ähnlich gut waren in der deutschen Fußballgeschichte nur der 54er-Stürmer Helmut Rahn und Gerd Müller.

"Ich wollte nichts provozieren"

"Seine Torgefahr und sein Näschen sind schon sehr ausgeprägt", sagte Löw. "Wie beim vierten Tor. Er steht einfach da." Löw gab aber auch zu: Wirklich planbar sind die Wege des Müller zum Tor selbst für ihn nicht: "Thomas hat irgendwie eine sehr unorthodoxe Spielweise. Man weiß als Trainer manchmal selbst nicht, welche Wege er geht." Im Glutofen von Salvador waren es gegen Portugal immer die richtigen: beim souverän verwandelten Elfmeter zum 1:0 in der 12. Minute, beim reingemüllerten 3:0 zur Vorentscheidung kurz vor der Pause, beim Abstauber zum 4:0-Endstand nach 78 Minuten. Auch beim Platzverweis für Portugals Abwehrchef Pepe, der sich in der 37. Minute nach einem Duell mit Müller zu einer Tätlichkeit hinreißen ließ.

"Hundertprozentig erinnern" konnte sich Müller an die Schlüsselszene nach dem Spiel nicht mehr. Er versicherte aber: "Ich wollte nichts provozieren oder schinden." Ob Pepe zu Recht vom Platz geflogen war, wollte Müller nicht beurteilen. Es sei aber eine "völlig überflüssige Aktion" gewesen - die sich aus Müllers Sicht in einen perfekten Spielverlauf einfügte. Zu dem gehörte neben dem deutschen Elfmeter auch der nicht gegebene Strafstoß für Portugal in der zweiten Halbzeit und die vergebene Großchance zum 1:2 kurz vor Pepes Platzverweis.

"Sicherlich haben wir ein sehr gutes Spiel gemacht", sagte Müller: "Wir müssen aber auch mal die Kirche im Dorf lassen. Wir haben hier jetzt nicht als Übermannschaft agiert." Auch Ambitionen, in Brasilien den WM-Torrekord von Ronaldo (15 Treffer) anzugreifen, wies Müller weit von sich: "Jetzt bleiben wir erstmal ruhig, das war das erste Spiel. Wir sind hier, um Weltmeister zu werden. Und nicht, um irgendwelche persönlichen Rekorde aufzustellen. Ich bleibe da ganz locker - wie immer." Wie gegen Portugal, wo er Mitspieler Jerome Boateng nach einem Disput mit Portugals Weltfußballer Cristiano Ronaldo ganz nebenbei noch vor einem Platzverweis bewahrte.

Dass er "im nächsten Spiel wieder drei Tore machen werde", davon gehe er jetzt nicht aus: "Aber", schob Müller keck nach: "Ich versuch's."

Von Christoph Wolf, Salvador da Bahia (n-tv)