Neda Soltani: Mein gestohlenes Gesicht

15.05.2012 | 11:11
Iran, Verwechslung, Neda Soltani, Neda Agha-Soltan Die fälschlicherweise für tot erklärte Neda Soltani (links). Rechts ein Bild von Neda Agha-Soltan, die bei den Protesten im Iran starb.

Tragische Verwechslung

Neda Soltani wurde das Gesicht des iranischen Widerstands. Die Bilder von ihrem öffentlichen Tod gingen um die Welt – dabei wurde sie nie getötet. Es ist die Geschichte einer tragischen Verwechslung.

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Es ist der 20. Juni 2009 in Teheran: Während einer Demonstration gegen die manipulierte iranische Präsidentschaftswahl wird die Studentin Neda Agha-Soltan auf offener Straße erschossen. Danach veröffentlichen Medien weltweit ein Foto und machen die Frau so zur Ikone des iranischen Widerstands. Die Stimme des Protests tauft man die Tote. Doch es ist ein fataler Fehler: Denn das Bild zeigt eine ganz andere: Zwar heißt sie auch Neda und sieht der Toten ähnlich – aber sie heißt mit Nachnamen Soltani und lebt!

"Es war, als würde man seiner eigenen Beerdigung zuschauen. Aber ich wusste damals noch nicht, dass dieser Moment tatsächlich das Ende meines alten Lebens bedeutete", sagt die Iranerin in der Tageszeitung 'Die Welt'.

Jedem erklären, dass sie noch lebt

Damals ist Soltani 32 Jahre alt und glaubt sich am Ziel ihrer Träume. Sie steht am Anfang einer vielversprechenden Karriere als Uni-Dozentin. Sie führt ein freies, selbstständiges Leben, wie es nur wenige Frauen im Iran können. "Es lief alles ziemlich gut für mich, ich war glücklich."

Bis zu jenem verhängnisvollen Tag, der ihr Leben in einen Albtraum verwandelt. Erst einen Tag nach der Demonstration sieht Neda Soltani einen Beitrag über die getötete Frau im Fernsehen – daneben ihr Bild. Erst jetzt begreift sie die Verwechslung. Sie versucht den Irrtum aufzuklären, aber die Medien ignorieren ihre Erklärungen. "Ich nehme an, sie haben einfach meinen oder einen ähnlichen Namen bei Facebook eingegeben und sind dann auf mein Bild gestoßen. Niemand hat das weiter überprüft", so Soltani in der 'Welt' weiter.

Eine gefährliche Situation: Denn der iranische Geheimdienst verfolgt Soltani, will sie der Spionage für den Westen überführen. Als man sie zu einem falschen Geständnis zwingen will, nutzt sie ihre letzte Chance und flieht im Juli 2009 aus ihrer Heimat. Über Griechenland gelingt ihr die Flucht nach Deutschland. Hier wohnt sie nun ein einer kleinen Ein-Zimmer-Wohnung. "Ich vermisse mein altes Leben jeden Tag", sagt sie der 'Bild'.

Doch Soltani gibt nicht auf, will kein Opfer mehr sein. Als die Iranerin erfährt, dass sie für immer in Deutschland bleiben darf, entscheidet sie sich ein Buch über ihr Schicksal zu schreiben. "Mein gestohlenes Gesicht" erscheint heute im Kailash-Verlag. "Die ganze Welt soll wissen, was mir passiert ist. Wenn meine Geschichte anderen Menschen die Augen öffnet, habe ich mein Ziel erreicht."