Pistorius-Prozess: Dieses Urteil ist unglaublich

13.09.2014 | 11:23
Urteil im Pistorius-Prozess In Südafrika ist das Entsetzen über das Pistorius-Urteil groß.

RTL-Reporterin Nicole Macheroux-Denault berichtet aus Pretoria

Die Spannung war mit Händen zu greifen, als Thokozile Masipa ihr Urteil gegen Oscar Pistorius sprach. "Schuldig der fahrlässigen Tötung", entschied die Richterin. Für den 27-jährigen Paralympics-Star hätte der Prozess weit dramatischer ausgehen können, dennoch droht ihm im schlimmsten Fall eine langjährige Gefängnisstrafe. Der eigentliche Verlierer des Prozesses ist aber Chefankläger Gerrie Nel. Die Ausführungen der Richterin kamen einer Demontage der Staatsanwaltschaft gleich. Mehrmals bezweifelte Masipa mit scharfen Worten die Glaubwürdigkeit von Zeugen der Anklage. Nel sei es zudem nicht gelungen, zweifelsfrei zu beweisen, dass Pistorius in der Nacht zum Valentinstag 2013 kaltblütig seine Freundin Reeva Steenkamp töten wollte. Nachlässig, fahrlässig habe er gehandelt - das ja. Aber ein Mörder sei er nicht.

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Bei der Bekanntgabe des Urteils ging ein Raunen durch den Saal. Viele schüttelten mit dem Kopf. "Je länger das Urteil hier bei den Experten sackt, desto unglaublicher ist es und umso heftiger wird es auch kritisiert", berichtet RTL-Reporterin Nicole Macheroux-Denault aus Pretoria. "Es geht letztendlich um einen Satz, den die Richterin gesagt hat: Hat Pistorius vorhersehen können, dass er als er die vier Schüsse auf die Badezimmertür abgab, jemanden töten würde. Und die Richterin sagt: Nein!"

Entsetzen auch in der südafrikanischen Presse

In Deutschland wäre so ein Urteil undenkbar gewesen, so Macheroux-Denault. Zahlreiche Südafrikaner sind wütend über die Milde der Richterin. Das Urteil zeige ganz deutlich: Wenn jemand in diesem Land Geld hat, dann steht er über dem Gesetz. Viele Frauen fürchten zudem, dass die Entscheidung anderen Männern eine Rechtfertigung für Gewalt an Frauen geben könnte.

Steenkamps Eltern Barry and June trugen die Entscheidung aber sehr gefasst. Der Vater verließ das Gericht schon nach wenigen Minuten mit hängenden Schultern, nachdem Nel kurz Blickkontakt mit ihm gesucht hatte - fast, als wolle er sich bei ihm für seine offensichtlich wenig brillante Leistung vor Gericht entschuldigen. Die Mutter nahm eine schluchzende Angehörige tröstend in den Arm und flüsterte ihr zu "Du musst nicht weinen! Du musst nicht weinen!"

Nach der Mittagspause musste die Anklage dann eine erneute Niederlage hinnehmen: Sie hatte gefordert, Pistorius ins Gefängnis zu stecken, bis ab dem 13. Oktober das Strafmaß festgelegt werden soll. Es bestehe Fluchtgefahr, so die Argumentation. Das sah Masipa anders und folgte der Bitte von Verteidiger Barry Roux, seinen Mandanten wieder auf Kaution in das Haus seines Onkels zu entlassen.

Das milde Urteil hat in Südafrika ungläubige und wütende Reaktionen ausgelöst. Fast alle großen Zeitungen des Landes machten auf ihren Titelseiten deutlich, dass sie auf eine härtere Entscheidung gehofft hatten. Die meisten Blätter veröffentlichten dazu wenig vorteilhafte Fotos von Pistorius, auf denen er teilweise weinend und mit laufender Nase zu sehen ist. So schrieb die Zeitung 'New Age' mit ironischem Unterton von "Tränen der Erleichterung", während die 'Pretoria News' in großen Lettern "Oscar's great escape" (auf Deutsch etwa: Oscars großes Entkommen) titelte. Der 'Citizen' hatte schon am Freitag gefordert: "Sperrt ihn ein!" und setzte mit dem Wort "Schande" nach.

Auch Rechtsexperten waren überrascht von dieser Entscheidung. Der Strafrechtler Lovell Fernandez aus Kapstadt sprach von einem "umstrittenen Urteil, das bei der Bevölkerung großen Ärger ausgelöst hat". Viele im Land sind überzeugt, dass der Sportler nur deshalb einem härteren Urteil entgangen ist, weil er berühmt und reich ist.

Bildquelle: Reuters