Rom: Krawall geliefert wie bestellt

RTL-Reporter Udo Gümpel berichtet aus Rom
RTL-Reporter Udo Gümpel berichtet über seine Beobachtungen bei den Krawallen in Rom.

RTL-Reporter Udo Gümpel berichtet aus Rom

Ich stelle es gleich vorweg: Ich bin überhaupt kein Anhänger von Verschwörungstheorien, für mich stecken weder CIA noch der Mossad hinter jeder Katastrophe und den Kampf gegen die Spectre überlasse ich gerne James Bond. Doch die Krawalle von Rom hat man 'zugelassen', sie waren vorhersehbar und doch hat die Polizeiführung die Stadtguerilla von Rom billigend in Kauf genommen.

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Die Fakten sprechen eindeutig für diese Interpretation. Da kommen 200.000 absolut friedliche Demonstranten, die "indignati“, die Empörten, nach Rom und protestieren gegen die Unfähigkeit der Berlusconi-Regierung der Jugend eine Zukunft zu bieten, gegen die ausufernde Korruption, die Allmacht der Finanzwelt. Nicht mehr als eine Handvoll vermummte Schlägertypen fangen schon während der ersten hundert Meter des Demonstrationszuges an, Fensterscheiben einzuschlagen, zünden in der Via Cavour, die vom Bahnhof Termini zu den Fori Imperiali führt, die ersten zwei Autos an.

Die Feuerwehr versucht zu löschen, von Polizei keine Spur. Die Demonstranten reagieren wütend auf die Gewalttäter, halten drei sogar fest, versuchen sie der Polizei zu übergeben, die aber seltsam reglos dem Treiben der Schlägergruppen zuschaut.

Das was nun folgt, nennt Italiens größte Tageszeitung La Repubblica den "Offenbarungseid“ der Polizei, wer die Ereignisse aber vor Ort verfolgt hat, kann nur Schlimmeres annehmen. Zwei Stunden lang dürfen kleine Gruppen von vermummten Jugendlichen vollkommen ungehindert Schaufenster von Banken mit Eisenstangen einschlagen, marodierend durch die Innenstadt ziehen, Molotows werfen, friedliche Demonstranten und TV-Teams bedrohen.

Immer wieder tauchen die Gewalttäter in der Masse unter, formieren sich neu, schlagen erneut zu. Dem Slogan der Friedlichen "Wir wollen eine Zukunft“ setzen sie ihren Slogan entgegen: "Wir nehmen uns die Gegenwart“, müssen das Plakat wegen der Proteste der Friedvollen aber wieder einrollen.

Absurde Situation in Rom

Krawalle in Rom
Der Tag danach: Bei den Protesten gegen die Banken wurden in Rom zahlreiche Autos angezündet. © dpa, Claudio Peri

Die Autonomen hatten schon vor dem Protestmarsch in Rom klar und deutlich auf einem ihrer Foren in Indy-media erklärt worum es ihnen in Wirklichkeit ging: "Es ist eine einzigartige Gelegenheit. Sicherlich wird uns die Polizei angreifen, aber auch wenn sie nicht die geringsten aggressiven Absichten uns gegenüber verfolgen sollten, dann muss dies unsere Absicht sein…“ Journalisten lesen diese Foren, die Polizei sicherlich auch. Doch was machte die Polizei? Hubschrauber kreisten über dem Demonstrationszug, aber unten, am Boden war weit und breit kein Polizist zu sehen.

Eine so absurde Situation kann man sich gar nicht vorstellen. 200.000 friedliche Demonstranten sich selbst und der Gewalt weniger Hundert Autonomer überlassen! Die Straßenschlacht auf der Piazza San Giovanni, der geplante Abschluss-Ort der Kundgebung, war offenkundig in Kauf genommen. Die Polizeitaktik war, Rom den Schlägern zu überlassen. Das ist keine Vermutung, das ist die beobachtete Wahrheit!

Wären die drei Karabinieri, deren gepanzerter Einsatzwagen in einem Angriff auf dem Platz Dan Giovanni nicht rechtszeitig aus dem Wagen gesprungen, wären sie elendlich verbrannt.

Angeblich verfolgte die Polizei die Taktik die wichtigsten Gebäude zu schützen: Berlusconis Wohnpalast in Rom, das Parlament. Aber nicht einmal die Polizeiwache auf dem Platz vor der Basilika von San Giovanni war geschützt, sie ging in Flammen auf, wie dutzende Autos, viele Straßen und Geschäfte wurden verwüstet.

Roms Presse ging sehr hart ins Gericht mit dem Innenministerium, „unfähig“ war noch die harmloseste Kritik. Der Verdacht, dass die politisch extrem schwache Regierung Berlusconi hier den Zwischenfall zwar vielleicht nicht gesucht, aber doch eben billigend in Kauf genommen hat, indem sie die gesamte Innenstadt bis auf wenige Sicherheitsbereiche den Demonstranten überlassen hat, wohl wissend, davon darf man ausgehen, dass kleine Gruppen von Gewalttätern diese Lage nutzen würden, dieser Verdacht ist berechtigt.

Wir alle vor Ort waren total baff: Die Autonomen konnten 200.000 Demonstranten erst einmal am Kolosseum am Weitermarsch blockieren, ohne dass die Polizei eingriff. Sie konnten die Abschlusskundgebung schlichtweg verhindern, weil die Polizei sie den Platz einfach besetzen ließ. Und als dann die ersten friedlichen Teilnehmer eintrafen, wurden sie mit dem Strahl der Wasserwerfer vom Platz gefegt.

Doch eines ist beruhigend, bei aller Empörung über das unfassbare Verhalten der italienischen Polizeiführung: Wer zu solchen Mittel greifen muss, dem steht das Wasser wirklich bis zum Halse. So wird die Empörung über die Untätigkeit der Regierung Berlusconi sicher noch weiter anschwellen, mit weiteren Protesten ist zu rechnen. Hauptgegner der Proteste der Jugendlichen ist ja gerade die eigene Regierung und ihre Unfähigkeit, der eigenen Jugend eine Zukunft zu bieten. Und sollte es tatsächlich im Frühjahr zu Neuwahlen in Italien kommen, wie immer wahrscheinlicher angesichts der hauchdünnen Mehrheit Berlusconis im Parlament, dürfte Berlusconis Zukunft feststehen: Der Verlust der Regierungsmacht.


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