Sexuelle Gewalt gegen Kinder: Jeder zweite Täter kommt mit Bewährung davon

Sexuelle Gewalt gegen Kinder
Jeder zweite Kinderschänder kommt mit Bewährung davon. © dpa, Julian Stratenschulte

Die Höchststrafe wurde 2014 nur zwei Mal verhängt

In Deutschland kommt jeder zweite wegen Kindesmissbrauchs verurteilte Straftäter mit einer Bewährungsstrafe davon. Das geht aus einer Statistik der 'Bild'-Zeitung hervor. Demnach wurden 2.032 Täter (Jugendstrafen mit eingerechnet) 2014 wegen sexuellen Missbrauchs an Kindern verurteilt.

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Nur zwei der Kinderschänder wurden zur Höchststrafe von 15 Jahren Gefängnis, der der Richter bei schwerem sexuellen Missbrauch verhängen kann, verurteilt. 1.048 Täter – das entspricht 52 Prozent der Verurteilten – bekamen lediglich eine Bewährungsstrafe. Ins Gefängnis mussten 27 Prozent der Verurteilten. Die Übrigen wurden zu Geldstrafen oder Erziehungsmaßnahmen, die nur für jugendliche Straftäter gelten verurteilt. Zum Vergleich: Bei Raub kommen nur 38 Prozent der Täter mit einer Bewährungsstrafe davon.

Ein bis zwei Kinder pro Schulklasse sind betroffen

Kindesmissbrauch ist immer noch ein großes Problem. 2015 wurden in Deutschland 11.808 Anzeigen wegen Kindesmissbrauchs, 1.103 Anzeigen wegen Missbrauchs an Jugendlichen und 416 Anzeigen wegen Missbrauchs an minderjährigen Schutzbefohlenen registriert. Das schreibt der Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig auf seiner Website. Die Zahlen seien seit 2010 nahezu unverändert.


Die Dunkelziffer dürfte aber deutlich höher liegen, denn oft werden Täter gar nicht angezeigt. "Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht für Deutschland von einer Million betroffener Mädchen und Jungen aus, die sexuelle Gewalt erlebt haben oder erleben", heißt es auf der Website. Das seien durchschnittlich pro Schulklasse ein bis zwei Kinder. Die meisten Übergriffe ereignen sich im Familien- oder Bekanntenkreis der Kinder.


Dass die Täter, denen der Prozess gemacht wird, häufig mit vergleichsweise milden Strafen davon kommen, macht viele wütend. Zuletzt machte der Fall einer Mutter in Bayern Schlagzeilen. Sie hatte ihre Tochter betäubt und ihrem Lebensgefährten überlassen, der sich mehrfach an dem Mädchen verging. Die Mutter war bei den Übergriffen anwesend. Trotz ihres kaltblütigen Verhaltens bekam sie eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten. Der Mann, der das Mädchen missbraucht hatte, wurde zu sechs Jahren und zehn Monaten Gefängnis verurteilt.