Tiergarten Nürnberg: Delfine mit Psychopharmaka vollgepumpt

Symbolbild: Delfin-Mutter mit Nachwuchs
Symbolbild: Delfin-Mutter mit Nachwuchs im Duisburger Zoo. © dpa bildfunk

Akten lesen sich "wie Bericht aus einer Intensivstation"

Delfinarium-Akten des Nürnberger Zoos haben Entsetzen bei Tierschützern ausgelöst: Die Dokumente sollen belegen, dass dort Große Tümmler regelmäßig mit Psychopharmaka und Antibiotikum behandelt wurden - die Medikamentenliste zähle über 20 Präparate. Das teilte das Wal- und Delfinschutz-Forum (WDSF) mit. Geschäftsführer Jürgen Ortmüller sagte: "Die tiermedizinischen Unterlagen des Nürnberger Delfinariums lesen sich wie der Bericht einer Intensivstation." Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof hatte die Stadt verurteilt, die Akten offen zu legen.

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Zoo-Direktor Dag Encke räumte den Einsatz des Medikaments ein. Gelegentlich in geringen Dosen eingesetzt diene es als Appetitanreger, wenn Delfine schlecht fräßen. Nur in extremen Situationen würden sie damit beruhigt, sagte er. Die Tierschützer werfen dem Zoo hingegen vor, man habe die Tiere mit den Medikamenten ruhig gestellt. Der Einsatz solcher Präparate zeige erneut, dass eine artgerechte Haltung der Meeressäuger in Delfinarien nicht möglich sei.

Unter anderem sei in den Akten eine regelmäßige Verabreichung von Diazepam dokumentiert, einem verschreibungspflichtigen Psychopharmaka gegen Angst- und Spannungszustände, das nur in geringer Einzeldosis und wegen seines Suchtpotentials nicht fortlaufend verabreicht werden dürfe.

Dem nierenkranken Delfin Jenny sollen nach Angaben von WDSF innerhalb von vier Monaten 145 Milligramm Diazepam verabreicht worden sein. Der Delfin Anke erhielt bei einem Transfer von Holland nach Nürnberg im Frühjahr eine Höchstdosis von 30 Milligramm Diazepam und Antibiotika. Dabei soll sich das Tier stark verletzt haben, wie aus dem Bericht hervorgeht.

Führten Antibiotika zum Tod der Tiere?

Die WDSF hat in dem Fall die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Nun wird geprüft, ob das Delfinarium geschlossen werden muss, um eine fachkompetente Oberaufsicht für die Delfinbehandlung zu gewährleisten. "Hier scheinen alle Entscheidungsträger vom Tiergartendirektor bis hin zur zuständigen Tierärztin versagt zu haben", sagt Ortmüller.

Zudem wird untersucht, ob die Antibiotika-Behandlung zum mehrfachen Tod von Delfinen in Nürnberg geführt hat. "Wir haben einen Hinweis eines Biologen von der Ruhr-Universität Bochum vorliegen, dass die Antibiotika-Behandlung der Delfine zur sogenannten 'Herxheimer Reaktion' führen kann, die mit Todesfällen verbunden ist, wenn sie nicht rechtzeitig erkannt und behandelt wird", so Ortmüller. Seit Bestehen des Delfinariums im Jahr 1971 sollen 38 Nürnberger Delfine gestorben sein.