Transition Towns: Aktivisten arbeiten für eine bessere Gesellschaft

Transition Towns: Aktivisten arbeiten für eine bessere Gesellschaft
Transition Town Witzenhausen: Die Aktivisten wollen eine bessere Gesellschaft und Unabhängigkeit vom Erdöl.

Transition Towns und der Traum von einer besseren Gesellschaft

"Wir haben nicht mehr viel Zeit", sagt Silvia Hable. Damit meint die Aktivistin nicht mehr und nicht weniger als die Rettung des Klimas in seiner uns bekannten Form. Wenn wir unseren Kindern ein lebenswertes Leben ermöglichen wollen, dann brauchen wir einen gesellschaftlichen Wandel. Dies ist eine zentrale Aussage der Aktivisten der Transition Towns (Städte im Wandel).

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Gegründet von Robert Hopkins Mitte der 2000er Jahre im englischen Totnes gibt es mittlerweile hunderte Initiativen weltweit – auch in Deutschland werden es ständig mehr. Doch wer sind diese Aktivisten und für was kämpfen sie genau? RTLaktuell.de hat zwei Initiativen besucht: In Kassel und in Witzenhausen in der Nähe von Göttingen.

Es gibt mehr und mehr Bürger, die erkannt haben, dass wir so nicht weiter machen können. Was passiert, wenn das ganze Erdöl verbrannt ist? Können wir uns unabhängig machen vom Schwarzen Gold? Was kann ein jeder von uns gegen den Klimawandel tun? In welcher Welt wollen wir leben? Dies sind nur einige der Fragen, die sich die Mitglieder der Initiative stellen.

Und sie finden ihre ganz eigenen Antworten darauf. Denn ein Kernpunkt der Transition Towns ist freies Denken, das Nutzen kollektiver Intelligenz, aber auch das Hintenanstellen persönlicher Wünsche. Es ist eine sogenannte Graswurzel-Bewegung, sie kommt von der Basis, sie geht vom Kleinen zum Großen. "Noch ist es ein Flickenteppich in Deutschland, aber es werden immer mehr, die mitmachen", sagt Christiane Rogl von der Transition Town Kassel. Kassel war die achte Transition Town in Deutschland. "Wir haben die Vision, die Gesellschaft krisenfest zu machen, bevor eine Krise kommt", sagt sie. Das Stichwort hier heißt 'Resilienz'. Es geht darum, eine Widerstandskraft zu erzeugen.

Und dazu gehen sie in die Offensive: Sie arbeiten gemeinsam mit den Städten und Kommunen. Sie nutzen innerstädtische Grünstreifen, um dort Obst und Gemüse anzubauen, sie pflanzen Bäume, sie reaktivieren Brunnen, gehen in die Schulen, um der nächsten Generation davon zu berichten, wie es ist, wenn man ganz neu denkt.

"Wir wollen ein schönes Leben für alle", erzählt Gualter Baptista, ein Portugiese, der im beschaulichen nordhessischen Städtchen Witzenhausen lebt. "Wir erfahren sehr viel Unterstützung. Was wir machen, kann ein Modell für die Gesellschaft sein", sagt er.

Baptista benutzt bewusst das Wort 'kann'. Die Transition Towns experimentieren noch, sie wollen ein anderes System, ein besseres. Und sie arbeiten mit vielen schönen Slogans. 'Wir sind es, auf die wir gewartet haben', ist einer davon. Es gibt Dinge, die sind zu wichtig, um sie dem Staat zu überlassen. Jeder ist gefordert. "Wir haben die Möglichkeit, selbst zu handeln, und die Träume umzusetzen", sagt Rogl. Und ihr Kollege Hartmut Hübner fügt hinzu: "Das Ganze ist als Dialog zu verstehen. Was kann entstehen?"

Schwerpunkt liegt auf der Nutzung der lokalen Ressourcen

Es ist schon einiges entstanden. In Witzenhausen konnten die Aktivisten dank ihres Engagements und dank der Spenden ein Haus in der Innenstadt mieten. Dies dient als Treffpunkt, als Büro, aber auch als Werkstatt. Denn die Initiative kämpft auch gegen die Wegwerfgesellschaft. "Wir reparieren gemeinsam Fahrräder", sagt Hans Spinn, der schon seit den Anfängen 2009 dabei ist. Der mittlerweile in Rente gegangene Spinn hatte früher einen Fahrradladen. "Wir machen Open-Source-Abende", sagt er. "Wenn jemand ein Laptop reparieren kann, dann zeigt er es uns hier. Wir müssen doch nicht alles wegschmeißen und neue Produkte kaufen. Es gibt so viel, dass man reparieren kann", so Spinn. Upcycling ist das Stichwort. Kaputtes wieder nutzbar machen.

"Zu unseren Leitprinzipien gehört natürlich auch die Nutzung lokaler Produkte", ergänzt Baptista, der eigentlich als Projekt-Manager arbeitet. "Es gibt so viel Gutes aus der Region. Wir versuchen das so gut es geht zu nutzen." Denn wer lokale Produkte kauft, der vermeidet unnötige Transportwege und damit CO2. Außerdem wird die regionale Wirtschaft gestärkt. Und man ist ein Stückweit unabhängiger vom Erdöl. Ein Ziel: Witzenhausen will sich zu 30 Prozent selbst versorgen.

Denn Peakoil, das Erdölfördermaximum, ist nach Meinung vieler Experten schon erreicht. Die Förderkurven zeigen nach unten. Und unser ökonomischer Erfolg hängt eng mit dem Erdölverbrauch zusammen. Das bedeutet, die Grenzen des Wachstums sind erreicht. Die Abhängigkeit vom Erdöl ist der wunde Punkt des derzeitigen Systems. Es macht alle Produkte abhängig vom Preis des Erdöls. Und je weniger es gibt, umso teurer wird es werden. Diese Abhängigkeit vom Erdöl wollen die 'Transition Towner' aufbrechen.

Sie stellen sich die Frage: 'Was kann anders werden auf dem Planeten?' Und mit anders meinen sie besser. Zu einer besseren Gesellschaft gehört auch Spaß. "Ich bin hier, weil hier auch gefeiert wird", sagt Hübner. "Wir sitzen am Lagerfeuer, wir tanzen, wir haben Spaß", ergänzt Rogl aus Kassel. "Ich bin hier, weil alle so offen sind", ergänzt Ellen Wilmes.

Offen für ganz neue Ideen: So haben die Kasseler die Bürgerblüte eingefüht, eine Regionalwährung. Eine Bürgerblüte ist einen Euro wert. Das Besondere: Dieses Geld kann man nur in der Region ausgeben, die Bürgerblüte stärkt also die lokale Wirtschaft. Das Geld macht nur dann Sinn, wenn es zirkuliert. Daher gibt es eine Umtauschgebühr für Privatpersonen bei den Banken. Bunkern bringt also nichts, Ausgeben ist Trumpf. In Kassel kann man in etwa 60 Geschäften mit der Bürgerblüte zahlen - im Buchladen, in der Gärtnerei, im Eisacfe, sogar beim Arzt. Die Regiogelder boomen. Es gibt derzeit mehr als 40 Regionalwährungen in Deutschland.

"Wir kreieren nicht nur ein anders Bild in den Innenstädten, in dem wir Hochbeete anlegen oder Pflückoasen für jedermann bauen, wir tun dies auch mit Freude", erklärt Baptista. Die Witzenhausener können dabei sogar auf hochkarätige Hilfe setzen, denn im Ort steht die erste Universität der Welt, die den Studiengang ökologischen Landbau anbot. "Man kennt Witzenhausen eher in Afrika als in Deutschland", sagt Baptista. Die Aktivisten dürfen auch Teile des Campus nutzen, um dort Gemüse anzubauen.

In der Transition Town gibt es kein vorgefertigtes Muster. Jeder kann sich einbringen, mit seinen Ideen, mit seinen Fähigkeiten. Gelebte Demokratie. Und vielleicht sogar mit einem Happy End.

von Oliver Scheel


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