Übergriffe in Köln: Warum gibt es keine Festnahmen?

Nach Silvester-Gewalt: 100 Anzeigen, keine Festnahmen
Nach Silvester-Gewalt: 100 Anzeigen, keine Festnahmen Massive Kritik gegen Kölner Polizei 00:02:02
00:00 | 00:02:02

Kommentar von Tobias Elsaesser

Bei den Sex-Attacken von Köln, Hamburg und Stuttgart wurden weitaus mehr Frauen angegriffen als vermutet: inzwischen sind schon mehr als 100 Anzeigen bei der Polizei eingegangen. Doch Verhaftungen gibt es keine.

- Anzeige -
Übergriffe in Köln: Warum gibt es keine Festnahmen?
Silvester am Kölner Hauptbahnhof. © dpa, Markus Boehm

Warum ist das so, und wer ist schuld – die Politik? Die Polizei? Die Politik (in Person von Innenminister Thomas de Maiziere) macht der Polizei Vorwürfe, die Polizei (in Person vom Vorsitzenden der deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt) gibt die Vorwürfe zurück. Das täuscht jedoch nicht darüber hinweg, dass irgendjemand in der Legislativen oder Exekutiven versagt hat, denn wie sonst hätte es überhaupt zu den Vorfällen kommen können? Die Polizei hat definitiv versagt, das muss man so hart sagen, vor allem, wenn man sich noch mal die Polizeimeldung von der Silvesternacht durchliest. Ebenso klar ist, dass die Politik die Voraussetzungen für erfolgreiche Polizeiarbeit schaffen muss.

Warum wurde die Polizei von den Vorfällen so 'überrumpelt'? Denn aus Sicht des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) handelt es sich bei den Übergriffen auf Frauen in Köln um eine längst bekannte Masche. "Wer von einer neuen Dimension organisierter Kriminalität spricht, der irrt - oder es fehlen ihm kriminalistische und kriminologische Erkenntnisse", sagte der Bundesvorsitzende des Berufsverbands, André Schulz, dem 'Handelsblatt'.

Schuldzuweisungen und Aktionismus

Doch im Moment ist nicht mehr als Schuldzuweisung und blinder Aktionismus zu erkennen. Die Politik darf die Polizei durchaus für ihr Versagen kritisieren, muss sich aber gleichzeitig fragen, ob sie daran nicht eine Mitschuld trägt. Und ob Verhaltensregeln – wie von der Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker angeregt (unter anderem: "Es ist immer eine Möglichkeit, eine gewisse Distanz zu halten, die weiter als eine Armlänge betrifft") – der richtige Weg sind, ist mehr als zweifelhaft. Eine Armlänge Abstand ist schon an einem normalen Tag in großstädtischen öffentlichen Verkehrsmitteln nicht möglich, erst recht nicht an Silvester oder Karneval.

Verhaltensregeln für Männer sind genauso absurd, denn der Mob vor dem Hauptbahnhof hatte sicherlich kein Interesse, sich einem angemessenen Verhaltenskodex zu unterwerfen. Sie waren schlichtweg da, um das zu tun, was sie taten. Die Polizei hätte da sein müssen, um das zu verhindern, und die Politik hätte die Voraussetzungen schaffen müssen.

Mittlerweile hat auch Kanzlerin Angela Merkel ihre Empörung über die "widerwärtigen Übergriffe und sexuellen Attacken" ausrichten lassen, Die Vorfälle verlangten nach einer harten Antwort des Rechtsstaates, so schreibt ihr Sprecher.

Doch die wird wahrscheinlich ausbleiben. "Ich habe Zweifel, dass einer der Täter identifiziert und verurteilt werden kann", sagt Rainer Wendt von der deutschen Polizeigewerkschaft. Das ist nichts anderes als ein Offenbarungseid, einem Rechtsstaat und vor allem den Opfern der Silvesternacht unwürdig.



Tobias Elsaesser wurde in Hildesheim geboren und studierte Anglistik und Latein an der Universität zu Köln. Allerdings eher im „Nebenfach“ – denn er arbeitete schon während des Studiums bei RTL, was das Studium ins Hintertreffen brachte. Dort wechselte er nach einigen Fernsehjahren in die Online-Redaktion. Den Ärger über aktuelle Themen die ihn (zu sehr) bewegen, versucht er auf dem Rennrad oder mit der Musik von Bruce Springsteen hinter sich zu lassen.

Pressemitteilung der Kölner Polizei am Neujahrsmorgen: "Ausgelassene Stimmung - Feiern weitgehend friedlich"

Posted by RTL Aktuell on Dienstag, 5. Januar 2016