Unglücksschiff wird Touristen-Magnet

Für die Schaulustigen ist es ein Spektakel

Während Angehörige der Vermissten die Treppen des Gotteshauses Chiesa dei Santi Lorenzo e Mamiliano hinabsteigen, legt einen Steinwurf entfernt die nächste Fähre an. Sie bringt Schaulustige auf die Insel Giglio. Es kamen bereits Tausende. Schon an Bord werden Kameras und Handys gezückt, für Schnappschüsse von der gekenterten 'Costa Concordia'.

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Sie trauern: Angehörige von Opfern verlassen die Kirche.
Sie trauern: Angehörige von Opfern verlassen die Kirche. © dpa, Carlo Ferraro

Euphorisiert strömen die Leute auf den Felsen, der dem Wrack am nächsten liegt. Erinnerungsfotos werden gemacht, ein Vater posiert mit seinem Kind. Für viele ist das, was derzeit in Giglio passiert, ein Spektakel und keine Tragödie. Wenige Meter entfernt, vor der Kirche, liegt zeitgleich eine weinende Frau in den Armen eines Feuerwehrmanns.

Zwei Familien aus Frankreich, die den Gottesdienst von Don Lorenzo besuchen, trauern um ihre Angehörigen. "Auch wenn wir sie verloren haben, Gott hat sie nicht verloren. Der Mensch ist nicht allmächtig", sagt der Priester in der Kirche, in der auf einem Altar eine Rettungsweste, ein Helm und ein Seil des Unglücksschiffes liegen. Aus Respekt vor den Trauernden sind Kameras und Fotografen bei der Messe nicht erwünscht.

Neben den Franzosen sind auch Angehörige von Opfern und Vermissten aus Indien, Peru und Italien auf der Insel. Der Chef der Chef der Reederei spricht mit ihnen in einem Restaurant, auch der französische Botschafter aus Rom ist dabei. Den Menschen wird Hilfe angeboten, schon seit Tagen bemühen sich die Psychologen aus Italien und dem Ausland um die Trauernden.

Kapitän belastet Reederei

"Es geht hier um Menschen, und nicht um Zahlen", mahnt Franco Gabrielli, der Einsatzleiter der Rettungskräfte. Auf einer Pressekonferenz entbrennt eine hitzige Diskussion, warum seit Tagen unterschiedliche Statistiken und Listen zu den Vermissten kursieren. Am Ende muss Gabrielli einschreiten: 24 Frauen, Männer und Kinder sind noch immer seit dem Unfall am Freitag, dem 13. Januar, verschollen.

Der Kapitän behauptet derweil, die 'Costa Concordia' sei aufgrund einer Weisung der Reederei Costa Crociere zu nah an die Insel Giglio gefahren. Laut Informationen der Tageszeitung 'La Republica' erzählte Francesco Schettino, die sogenannte Verbeugung vor Giglio "wurde noch vor dem Start in Civitavecchia von Costa geplant und verlangt". Mit Routen, die nahe an der Küste entlang führen, "machen wir Werbung für uns", zitierte der 'Corriere della Sera' den Kapitän. Auch vor anderen Inseln habe er derartige Manöver durchgeführt.

13 Tote wurden bislang geborgen, acht identifiziert, auch ein Deutscher ist dabei. Der deutsche Botschafter Michael H. Gerdts ist am Wochenende auch in Giglio. Er spricht von den Bemühungen der Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes und der heimischen Behörden bei der Unterstützung der betroffenen Deutschen. "Irgendwann werden womöglich auch sie nach Giglio kommen wollen, um Abschied zu nehmen", sagt Gerdts. Es ist ihnen zu wünschen, dass die Schaulustigen bis dahin das Interesse verloren haben.