Wachkoma-Patient Vincent Lambert: Gerichtshof für Menschenrechte erlaubt Sterbehilfe

Querschnittsgelähmter Lambert hat keine Patientenverfügung

Der Fall von Vincent Lambert hat in Frankreich heftige Kontroversen ausgelöst und auch seine Familie entzweit: Ärzte und Ehefrau wollen den 38-jährigen Wachkoma-Patienten sterben lassen - seine streng katholischen Eltern sind dagegen. Nun hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) entschieden.

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Vincent Lambert mit seiner Mutter.
Vincent Lambert liegt seit einem Motorradunfall 2008 im Wachkoma. © dpa, L'union De Reims

Das Urteil: Die künstliche Ernährung per Magensonde darf eingestellt werden, der Weg für eine passive Sterbehilfe ist geebnet. Damit scheiterten die Eltern und zwei Geschwister Lamberts mit ihrer Klage vor dem EGMR. Sie hatten das Gericht wegen des Verstoßes gegen das Recht auf Leben und das Verbot der Folter und unmenschlichen Behandlung angerufen. Für sie ist ihr querschnittsgelähmter Sohn schwerstbehindert, die Einstellung der lebenserhaltenen Maßnahmen bezeichneten sie als "verkappte Euthanasie". Die Klage wies die Mehrheit der 17 Richter des EGMR in Straßburg nun zurück. "Die französische Justiz hat alle medizinischen und ethischen Aspekte dieses Falls sorgfältig abgewogen", heißt es in dem Urteil. Ein vielleicht wegweisendes Urteil.

Vincent Lambert hatte 2008 einen Verkehrsunfall und lag seitdem im Wachkoma. Nach Einschätzung der Ärzte sind seine Gehirnverletzungen irreversibel. Der ehemalige Krankenpfleger hat keine Patientenverfügung aus der hervorgeht, wie in einem solchen Fall vorgegangen werden soll. Deshalb hatten Mediziner zusammen mit der Ehefrau und mehreren Geschwistern stellvertretend die Entscheidung getroffen, die Ernährung einzustellen, um den 38-Jährigen sterben zu lassen. Der Staatsrat, das oberste Verwaltungsgericht Frankreichs, billigte das im Juni 2014. Nun haben auch die Straßburger Richter grünes Licht gegeben. Ihr Urteil ist endgültig, eine Berufung dagegen nicht möglich.

10.000 Menschen in Deutschland im Wachkoma

Der Anwalt der Eltern, Jean Paillot, will weiterkämpfen und neue Gutachten über den Zustand Lamberts beantragen. Das Urteil sei "skandalös", denn so sei die Möglichkeit gegeben, die künstliche Ernährung für einen Behinderten zu stoppen, "der weder krank ist noch im Sterben liegt".

Die Ehefrau habe Vincent Lamberts mutmaßlichen Willen glaubhaft vorgetragen, sagte der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. Deshalb hätte der EGMR nur eine solche Entscheidung treffen können. "Um ein solch unwürdiges Gezerre wie jetzt in Frankreich auszuschließen, sollte sich jeder Mensch genau überlegen, eine Patientenverfügung zu verfassen", sagte er. So könne man verbindlich festlegen, welche Maßnahmen bei Wachkoma, Demenz oder Hirnschädigung ausgeschlossen werden.

In Deutschland leben nach Schätzung von Brysch etwa 10.000 Menschen im Wachkoma. Andere Länder, die Sterbehilfe-Gesetze einführen, könnten die französische Regelung über das Lebensende und das EGMR-Urteil als Beispiel nutzen, sagte der Anwalt der Ehefrau Lamberts, Laurent Pettiti.

In Frankreich wie in Deutschland können lebensverlängernde Maßnahmen beendet werden, wenn dies dem klaren oder dem mutmaßlichen Wunsch des Patienten entspricht. Aktive Sterbehilfe, also einem Menschen ein tödlich wirkendes Mittel zu verabreichen, ist in Deutschland und Frankreich wie in den meisten europäischen Ländern verboten.


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