Wenn eine Heilung unmöglich ist – Vom Leben eines Todkranken und eines Palliativmediziners

Von Elisabeth Maifeld

"Ja, ich würde freiwillig heute sterben, wenn ich es könnte" – ohne nachzudenken, äußert Kurt Bergmann seine Meinung. Seit sechs Tagen liegt der 52-Jährige in einem Einzelzimmer auf der Palliativstation des Universitätsklinikums Bonn, um die bestmögliche Versorgung für die ihm verbleibende Lebenszeit zu bekommen. Seit mehr als eineinhalb Jahren hat er Krebs. Sein Kehlkopf ist entfernt und nun kamen noch Knochenbrüche hinzu. "Ich denke mir, warum soll sich ein Mensch noch quälen. Mir ist nicht mehr zu helfen, ich warte quasi nur noch auf den Tod", fährt er fort und blickt fragend den Palliativmediziner Lukas Radbruch an.

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Palliativmediziner und Patient am Universitätsklinikum Bonn
Im Zimmer des Krebskranken Kurt Bergmann steht der Palliativmediziner Lukas Radbruch.

Seit mehr als 25 Jahren hat sich der Mediziner von der Schmerzambulanz über die Tumorbehandlung bis hin zur Palliativmedizin weiterentwickelt. Den assistierten Suizid lehnt er strikt ab. Seine Aufgabe ist es, Menschen wie Kurt Bergmann, die nicht mehr geheilt werden können, zu behandeln. Dementsprechend umfassend kennt er die Sorgen der Patienten: "Die Qual ist oft die Vorstellung, was noch Schlimmes kommen kann. Nicht das, was jetzt ist. Aber wir wissen, dass wir die Symptome bis in die letzten Lebensminuten bei allen Patienten in fast allen Fällen in den Griff bekommen."

Natürlich höre er den Wunsch von Patienten nach Suizid ab und zu, aber wenn er nachfragt, dann stelle er fest, wie wenig umfassend die Patienten und auch Angehörigen informiert seien: "Die Möglichkeiten sind in der Regel noch lange nicht ausgeschöpft." Viele Betroffene können den Kontrollverlust und die Abhängigkeit von Ärzten, wenn Körperfunktionen unkontrollierbar werden, nicht aushalten. Doch Patienten teilen ihm und dem Palliativ-Team keine körperlichen Symptome mit, die man nicht lindern könne.

Wie das im Ernstfall tatsächlich aussehen könnte? Ein extremer Schritt wäre etwa eine palliative Sedierung, bei der ein Patient – meist für die letzten Lebenstage – im künstlichen Dauerschlaf liegt. Für manche ist das eine Art "sozialer Tod", doch für den Palliativmediziner zählt auch die Möglichkeit des Zurückholens. Außerdem können Patienten beispielsweise unterstützt werden, wenn sie weder Essen noch Trinken zu sich nehmen wollen. "Wenn man eine gute Mundpflege macht, haben die Patienten keinen Durst, ohne dass sie etwas trinken. Deshalb ist mein Argument immer, dass wir viele gute Alternativen haben." Viele Menschen hätten Angst vor dem Erstickungs-Tod, erklärt Radbruch weiterhin, doch auch in solch einem Fall gibt es Wege der Linderung: "Wir geben den Leuten starke Schmerzmittel. Nicht weil sie Schmerzen haben, sondern weil es dieses Gefühl von Luftnot beseitigt." Unter Kollegen sei das manchmal ein strittiges Thema, fügt er hinzu, gerade deshalb sei eine Diskussion sowie Aufklärung nötig. Nicht nur unter Kollegen, sondern auch in der deutschen Gesellschaft.

"Am häufigsten höre ich: 'Ich will keinem zur Last fallen!'"

In der Debatte um Sterbehilfe gibt es keinerlei klare Antworten. Wie er sich im Falle einer gelockerten Rechtsgrundlage entscheiden würde, weiß Krebspatient Kurt Bergmann nicht so recht. Jede Entscheidung ist ein Einzelfall.
In der Debatte um Sterbehilfe gibt es keinerlei klare Antworten. Jede Entscheidung ist ein Einzelfall. © picture-alliance / Christian End, Christian Ender

Nach der derzeitigen Gesetzeslage gibt es ein Recht darauf, lebensverlängernde Behandlungen abzulehnen. Ärzte müssten in diesem Fall dem Wunsch des Patienten entsprechen. Doch viele Betroffe – vom Patienten bis hin zu den Angehörigen – kennen ihre Einflussmöglichkeiten zu wenig. Das wird sich zukünftig wohl ändern, denn der Bundestag setzt sich in dieser Woche gleich zweimal mit dem Thema Sterben auseinander. Normalerweise stimmen die Abgeordneten im Bundestag streng nach ihrer Parteilinie ab, nicht so beim Thema aktive Sterbehilfe. Vier Positionen sind im Juli 2015 intensiv und sehr emotional debattiert worden – am Freitag soll einer der vier fraktionsübergreifenden Gesetzentwürfe zur Sterbehilfe vom Parlament beschlossen werden. Und einen Tag zuvor beschäftigt sich der Bundestag mit einem Entwurf für ein Hospiz- und Palliativ-Gesetz von Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU).

Für Palliativmediziner Radbruch ist das ein positives Signal: "Ich finde es klasse. Nur diese Debatte im Bundestag hat dazu geführt, dass wir das Hospiz-Gesetz bekommen. Sonst hätten wir das nicht." Dieses Gesetz entstand im Bewusstsein, man könne nicht über Beihilfe zum Suizid diskutieren, wenn es noch zu viele Menschen gibt, die keinen Zugang zu einer Palliativversorgung haben. Fast 90 Prozent aller Menschen brauchen am Lebensende eine palliative Begleitung, wie Radbruch, der auch Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP) ist, zu bedenken gibt. Im vergangenen Jahr konnten allerdings laut einer aktuellen Bertelsmann-Studie nur 30 Prozent der Verstorbenen solch eine Behandlung bekommen. Aus Sicht des Mediziners ist das Gesetz nicht optimal, aber es verbessert sich einiges. So sind beispielsweise Beratungen in Pflegeheimen und durch die Krankenkassen verpflichtend und die Vernetzung von palliativen Maßnahmen wird gefördert.

In der Debatte um Sterbehilfe gibt es keinerlei klare Antworten. Wie er sich im Falle einer gelockerten Rechtsgrundlage entscheiden würde, weiß Krebspatient Kurt Bergmann nicht so recht. Jede Entscheidung ist ein Einzelfall.

Doch aus seiner langjährigen Berufspraxis warnt Radbruch vor einer möglichen Eigendynamik in der Debatte um assistierten Suizid. "Am häufigsten höre ich: 'Ich will keinem zur Last fallen!'" Hier entstehe ein "subtiler sozialer Druck" - Für den Mediziner ist das eine gefährliche Entwicklung, wie sich auch durch Zahlen einer liberalisierten Politik in Holland belegen lässt. Die geplante Gesetzesentscheidung im Bundestag könne hier keine sichere Rechtsgrundlage schaffen, ganz im Gegenteil: Es würden immer mehr Grauzonen entstehen.

Wohin sich die deutsche Gesellschaft entwickelt, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Eine Frage wird Lukas Radbruch aber immer begleiten: Hat man kein Anrecht mehr auf Mitgefühl als unterlegener Mensch? Eine gesellschaftlich harte Position und damit einhergehende aufkeimende Erwartungshaltung, sich einem natürlichen Sterbeprozess entziehen zu können, sollte aber immer wieder in einer demokratischen Bevölkerung überdacht und diskutiert werden.