Zahl der Opfer erhöht sich - IS droht Frankreich mit neuem Terror

14.11.2015 | 20:26
Frankreich unter Schock
00:00 | 13:14

Die Welt trauert um die Opfer

Frankreich unter Schock

Hollande: "Das ist ein Kriegsakt"

Die Terrormiliz Islamischer Staat hat Frankreich mit weiteren Anschlägen gedroht und von "sorgfältig ausgewählten Zielen" gesprochen. "Dieser Überfall ist nur der erste Tropfen Regen und eine Warnung", hieß es in einer im Internet kursierenden Botschaft im Namen des IS. Darin wird indirekt auf die französischen Luftangriffe auf die Terrorgruppe in Syrien verwiesen. "Der Geruch des Todes werde ihre Nasen nicht verlassen, solange sie den Propheten beleidigten und Muslime im Land des Kalifats angegriffen", heißt es in dem Schreiben, das zunächst nicht unabhängig überprüft werden konnte. Die Wortwahl erinnert jedoch an frühere Bekennerschreiben des IS.

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Bei der beispiellosen Anschlagsserie an mehreren Orten in Paris starben bislang 129 Menschen. Diese Zahl sei angesichts der großen Zahl von Schwerverletzten allerdings vorläufig, sagte Staatsanwalt François Molins in Paris. Es gebe 352 Verletzte, 99 davon akute Notfälle. Sieben Terroristen seien gestorben.

Es habe drei Teams von Terroristen gegeben, die koordiniert vorgegangen seien. Sieben Terroristen seien gestorben. Diese benutzten demnach Sturmgewehre des Typs Kalaschnikow. Außerdem hätten sie die absolut gleiche Art von Sprengstoffwesten getragen, sagte Molins. Seinen Angaben nach gab es am Stadion Stade de France drei Explosionen. Die Leiche eines Selbstmordattentäters wurde in der Nähe gefunden.

Einer der Angreifer des Musiksaals 'Bataclan' sei zudem als 29-jähriger Franzose identifiziert worden. Er sei den Behörden wegen seiner Radikalisierung bekannt gewesen. Der 29-Jährige sei mehrfach vorbestraft, allerdings niemals wegen Verbindungen in dschihadistische Netzwerke, sagte der Staatsanwalt. Bei einem der Selbstmordattentäter vom Stade de France wurde zudem ein syrischer Pass gefunden, bestätigte Molins.

Bei einem der Attentäter sei ein syrischer Pass gefunden worden, wie die französische Nachrichtenagentur 'AFP' unter Berufung auf Polizeikreise berichtet. Der Ausweis sei in der Nähe des Leichnams eines der Angreifer gefunden worden. Angaben darüber, an welchem der sechs Anschlagsorte der Pass gefunden wurde, gab es zunächst nicht. Staatsangehöriger gewesen sein.

Frankreichs Präsident François Hollande hatte bereits am Samstagvormittag die Terrormiliz für die Anschläge verantwortlich gemacht und von einem "Kriegsakt" gesprochen. Das Land werde eine dreitägige Staatstrauer tragen, kündigte Hollande an. "Alle Maßnahmen sind getroffen worden, um unsere Mitbürger und unser Staatsgebiet zu schützen", versprach der Präsident.

Unterdessen ging Schleierfahndern in Oberbayern ein Autofahrer mit zahlreichen Waffen und Sprengstoff ins Netz. Der Mann soll sich möglicherweise auf dem Weg nach Paris befunden haben. Ob es eine Verbindung zur verheerenden Terrorserie gibt, ist laut LKA reine Spekulation. Bei einer Kontrolle entdeckten die Fahnder der Polizei im Kleinwagen des Mannes unter anderem mehrere Maschinenpistolen, Handgranaten und Sprengstoff. Der aus Montenegro stammende Mann sitzt seitdem in U-Haft und schweigt, wie ein Sprecher des Landeskriminalamtes sagte.

Es handelt sich um die verheerendste Terrorserie in Europa seit gut zehn Jahren. Die Attentäter schossen an verschiedenen Orten der französischen Hauptstadt wild um sich und zündeten mehrere Bomben. Allein in der Konzerthalle 'Bataclan' richteten sie ein Massaker mit mindestens 80 Toten an. Vier Tote gab es in der Nähe des Stadions Stade de France, wo gerade das Fußball-Länderspiel Deutschland gegen Frankreich stattfand. Die Attacken waren von mindestens acht Terroristen verübt worden. Einer der Angreifer wurde von der Polizei erschossen, die anderen sprengten sich selbst in die Luft.

Frankreich befindet sich damit erneut in einem Schockzustand. Die Zeitung 'Le Figaro' titelte: "Krieg mitten in Paris". Erst vor zehn Monaten hatte ein brutaler Überfall von islamistischen Terroristen auf die Satire-Zeitschrift 'Charlie Hebdo' und einen jüdischen Supermarkt das Land erschüttert.

Angreifer sollen "Allah ist groß" gerufen haben

Terroranschläge in Paris Nahe der Pariser Konzerthalle Bataclan legen Menschen Blumen nieder. Hier gab es die meisten Todesopfer.

Nach den Terroranschlägen in Paris bleibt der Eiffelturm bis auf weiteres für Besucher gesperrt. Die Grenzkontrollen wurden verstärkt - auch mit Blick auf den Weltklimagipfel, zu dem Paris Ende des Monats Spitzenpolitiker aus aller Welt erwartet werden. Entgegen ersten Ankündigungen blieben die Grenzen aber geöffnet. Alle Krankenhäuser der französischen Hauptstadt wurden in den Ausnahmezustand versetzt.

Alle Indizien deuten darauf hin, dass es sich um eine minutiös vorbereitete Aktion handelte. Bei dem Überfall auf das 'Bataclan' soll einer der Männer "Allah ist groß" gerufen haben. Ein Augenzeuge berichtete ferner, dass die Angreifer ihre Tat mit Frankreichs Militäreinsatz in Syrien begründet hätten. Der Mann habe gerufen: "Das ist die Schuld von Hollande. Das ist die Schuld Eures Präsidenten. Er hätte nicht in Syrien eingreifen dürfen." Von Anhängern der Terrormiliz Islamischer Staat wurde die Attacken im Internet gefeiert.

Nach bisherigen Erkenntnissen begannen die Anschläge kurz nach 21.00 Uhr an sechs verschiedenen Orten der französischen Hauptstadt. Ziele waren neben dem Konzertsaal im 10. Arrondissement auch drei Cafés und Restaurants in der Nähe. Im Café 'Le Carillon' gab es mindestens 14 Tote, im Café 'La Belle Équipe' mindestens 18 Tote.

Wegen der vergleichsweise milden Temperaturen saßen zu Beginn des Wochenendes in Paris noch sehr viele Menschen draußen. Nach Augenzeugenberichten waren mehrere unmaskierte Männer in den ausverkauften Saal gestürmt, wo gerade die US-Rockband "Eagles of Death Metal" auftrat. Mit Maschinengewehren schossen sie mehr als 10 Minuten wild um sich. Der Boden war anschließend übersät mit Leichen.

Die Band richtete sich knapp zwei Stunden nach den Ereignissen via Facebook an Fans und Zuschauer. Man versuche festzustellen, wo sich die Mitglieder der Crew befänden und ob alle in Sicherheit sein. "Unsere Gedanken sind mit denjenigen, die diese tragische Situation durchstehen mussten."

Die Gegend rund um das 'Bataclan' wurde weiträumig abgeriegelt. Sie gehört zu den beliebtesten Ausgehvierteln der französischen Hauptstadt. Die Redaktion von 'Charlie Hebdo', die im Januar von Terroristen überfallen worden war, ist nur wenige Straßenzüge entfernt. Noch in der Nacht eilten Hollande und Regierungschef Manuel Valls an den Tatort.

Die Explosionen vor dem Stade de France hatte Hollande auf der Ehrentribüne mit angehört, zusammen mit Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, der an seiner Seite saß. Gleich danach ließ er sich in der Schaltzentrale des Stadions telefonisch über die Ereignisse unterrichten. Noch während des Spiels wurde der Präsident dann aus dem Stadion gebracht.

Hollande wandte sich noch während der Anschläge übers Fernsehen an seine Landsleute. In einer Rede an die Nation sagte er: "Die Terroristen wollen uns in Angst und Schrecken versetzen. Man kann Angst haben, man kann Schrecken verspüren. Aber dem Entsetzen steht eine Nation gegenüber, die weiß, wie sie sich verteidigt. Die weiß, wie sie ihre Kräfte sammelt. Und die einmal mehr wissen wird, wie sie die Terroristen besiegen wird."

Im Großraum der französischen Hauptstadt sind für das Wochenende sämtliche Sportveranstaltungen abgesagt worden. Auch öffentliche Orte wie Museen und Freizeitparks bleiben geschlossen.

Bildquelle: dpa bildfunk