Zeitzeugin erzählt: Wie Kindertransporte den Nachwuchs vor den Nazis retteten

Lee Edwards berichtet, wie sie den Holocaust überlebte
Lee Edwards berichtet, wie sie den Holocaust überlebte Fast 80 Jahre nach Flucht aus Nazi-Deutschland 00:00:51
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Lee Edwards entkam Nazis

Im Zweiten Weltkrieg kam es zweifelsfrei zu den schlimmsten Gräueltaten der Menschheitsgeschichte. Während des Nazi-Regimes wurden Juden, politische Gegner und andere Gruppen, die Hitler nicht passten, systematisch verfolgt, vertrieben und ermordet. Kindertransporte sollten wenigstens den Nachwuchs retten. Lee Edwards hatte das Glück, Zuflucht vor der Verfolgung zu finden. Heute erzählt sie Schülern von ihren unvorstellbaren Erlebnissen und von der Mutter, die sie in Tränen aufgelöst zum Bahnhof begleitete.

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"Wir haben gedacht, das ist nur vorübergehend"

Lee Edwards spricht auf dem Pausenhof des Heinrich von Gagern-Gymnasiums in Frankfurt mit einem Schüler.
Heute erzählt Lee Edwards Schülern von ihren unvorstellbaren Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg. © dpa, Frank Rumpenhorst, fru rho

Für Lee Edwards ist es eine Rückkehr in die Vergangenheit: Sie ist auf dem Gelände der ehemaligen Samson Raphael-Hirsch-Schule in Frankfurt, die im März 1939 als jüdische Bildungseinrichtung schließen musste. Damals hieß sie Liesel Carlebach, Tochter einer gutbürgerlichen Familie, deren schöne und behütete Kindheit mit der Herrschaft der Nationalsozialisten zu Ende ging. Im Alter von 15 Jahren gehörte Edwards zu den jüdischen Kindern, die in Großbritannien Zuflucht fanden.

Ihr Vater wurde nach dem Pogrom im November 1938 ins Konzentrationslager Buchenwald geschleppt. Wenigstens Lee sollte weggeschickt werden. "Wir haben gedacht, das ist nur vorübergehend", sagt die 93-Jährige. Der Vater starb jedoch wenige Tage nach ihrer Abreise, die Mutter wurde 1942 ins polnische Izbica deportiert. "Ich hoffe, dass sie wenigstens sofort ermordet wurde, damit sie nicht lange leiden musste." Die Schüler, denen sie das erzählt, - sie sind selbst 13 bis 15 Jahre alt - blicken betroffen.

"Es hat keinen Sinn, noch irgendwelchen Hass zu haben"

Lee Edwards steht auf dem Pausenhof des Heinrich von Gagern-Gymnasiums in Frankfurt.
Im Alter von 15 Jahren gehörte Edwards zu den jüdischen Kindern, die in Großbritannien Zuflucht fanden. © dpa, Frank Rumpenhorst, fru rho

Edwards wurde im britischen Coventry bei einem jüdischen Ehepaar aufgenommen. Da ihre Gasteltern nach dem Krieg nahezu mittellos waren, kehrte sie nach Deutschland zurück und arbeitete zunächst bei der amerikanischen Militärverwaltung. Damals sei ihr bei jedem Deutschen der Gedanke durch den Kopf geschossen: Hat der meine Mutter ermordet? "Inzwischen ist es ganz anders. Von der Generation der Täter ist ja keiner mehr da", sagt sie. "Es hat ja keinen Sinn,  noch irgendwelchen Hass zu haben, aber damals war es sehr schwer."

Für Schulleiter Thomas Mausbach kann kein Lehrbuch so eindrücklich sein wie ein Gespräch mit Zeitzeugen. "Bei den Schülern stößt das auf großes Interesse", bestätigt Geschichtslehrerin Iris Hofmann. "Haben Sie einmal Hitler gesehen?", will ein Junge wissen. "Hätten Sie mit Ihren Kindern Deutsch gesprochen?", fragt eine Schülerin. "Natürlich", versichert Lee Edwards. "Mein Mann und ich haben immer ein deutsch-englisches Kauderwelsch zusammen gesprochen. Und hätte ich Kinder gehabt, hätte ich auch mit ihnen Deutsch gesprochen." 

"Die ganze Welt geht verrückt"

Warschauer Ghetto: Jüdische Kinder (während der deutschen Besatzung Polens 1939-1945)
Knapp 10.000 jüdische Kinder aus Deutschland, Österreich und der von Nazi-Deutschland besetzten Tschechoslowakei fanden vor der Verfolgung Zuflucht in Großbritannien. © picture alliance /

Zwei Jahre nach dem Krieg wollten Edwards als junge Frau und ihr Mann, ein deutscher Jude, der nach Großbritannien geflohen und im Krieg bei der britischen Armee war, so weit weg von Europa wie nur möglich. Nach mehreren Jahren in Kanada fanden sie in Kalifornien eine neue Heimat. Doch mit ihrer in Frankfurt lebenden Großnichte hält Edwards regelmäßigen Kontakt.

Edwards ist fast 80 Jahre nach ihrer Flucht aus Nazi-Deutschland voller Sorge, wenn sie die Zunahme rechtpopulistischer und nationalistischer Parolen beobachtet. "Wir haben jetzt überall auf der Welt Probleme mit rechtsstehenden Politikern", sagt sie kopfschüttelnd. "Die ganze Welt geht verrückt."


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