Zerstörung des Regenwalds: Ein Palmöl-Boykott ist keine Lösung

Palmöl-Boykott bringt nichts
Obwohl große Regenwaldflächen Palmöl-Plantagen weichen müssen, spricht sich Greenpeace gegen einen Boykott des Öls aus. © picture alliance / dpa, wwf

Von Johanna Grewer

Die französische Umweltministerin Ségolène Royal machte diese Woche mit ihrem Aufruf zum Nutella-Boykott Schlagzeilen. Die Begründung: Der Brotaufstrich enthalte Palmöl, dessen Anbau massive Umweltschäden verursache. Beim Anbau der Ölpflanze werden gigantische Regenwaldflächen abgeholzt. Die Expertin Gesche Jürgens von Greenpeace erklärt aber, dass ein genereller Boykott von Palmöl mehr Schaden als Nutzen bringt.

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Der Stoff, der den Aufruhr verursacht hat, ist das in Lebensmitteln am meisten verwendete pflanzliche Öl überhaupt. Nicht nur in dem beliebten Brotaufstrich, sondern auch in Margarine, Fertiggerichten, Babynahrung, Schokoriegeln, Eiscreme oder Keksen findet sich Palmöl. Die Greenpeace-Expertin gibt an, dass Palmöl etwa in jedem zweiten Produkt im Supermarkt stecke. Nicht nur in Lebensmitteln, sondern auch in Kosmetik, Kerzen, Waschmitteln und Biodiesel wird der Allrounder Palmöl eingesetzt.

Warum ist Palmöl so beliebt? Es ist nicht nur unschlagbar billig in der Produktion, sondern auch lange haltbar, geschmacksneutral und eins der wenigen pflanzlichen Fette, das bei Zimmertemperatur fest ist. Das ist vor allem für Produkte, die streichfähig sein sollen, von Vorteil. "Palmfett vereinigt so viele positive Eigenschaften wie kein anderes pflanzliches Fett. Einen Brotaufstrich, der sich nicht streichen lässt, möchte niemand haben", meint Volker Laengenfelder, Pressesprecher des Unternehmens von 'Alnatura', das auf Bio-Produkte spezialisiert ist. Auch der Nutella-Hersteller 'Ferrero' schreibt: "Wir verwenden Palmöl, weil es […] geschmacks- und geruchsneutral ist und so andere Hauptzutaten wie Kakao und Haselnüsse ihre Aromen bestmöglich entfalten können."

Palmöl ist für die Industrie unersetzlich. Auch bei veganen Produkten, in denen keine tierischen Fette verwendet werden dürfen, wird gerne auf Palmöl zurückgegriffen. Hinzu kommt noch, wie Jürgens bestätigt, dass die Ölpalme die mit Abstand "ertragreichste Ölpflanze" ist. "Wollte man das Öl mit anderen Ölpflanzen wie Raps oder Soja ersetzen, würden deutlich größere Flächen benötigt und das Problem nur in andere Regionen der Welt verlagert."

Gutes Palmöl – schlechtes Palmöl

Billig, ökonomisch sinnvoll und perfekt in ihren Eigenschaften - die Ölpalme ist also "per se keine schlechte Pflanze", meint auch die Greenpeace-Expertin. Wo liegt das Problem, auf das die französische Umweltministerin mit ihrem Boykott-Aufruf aufmerksam machen wollte? Ölpalmen gedeihen am besten in tropischem Klima. Für riesige Plantagen werden massiv Regenwälder abgeholzt. Vor allem in Indonesien, dem weltweit größten Produzenten des heißbegehrten Öls, ist das Problem besonders groß.

Wenn Regenwald zerstört wird, hat das nicht nur dramatische Auswirkungen auf die Artenvielfalt, sondern auch auf das Klima. Besonders, wenn Wälder, die auf Torfböden stehen, vernichtet werden. Im Torfboden wird nämlich Kohlenstoff gespeichert; schwindet der Wald, entweicht klimaschädliches CO² in die Atmosphäre, wie Jürgens erklärt. Das mache Indonesien zu einem der größten Produzenten des Treibhausgases.

Warum sollen wir dann nicht einfach auf Palmöl verzichten, wenn es den Regenwald zerstört? Ein genereller Boykott von Palmöl dürfte schön daran scheitern, dass es für Verbraucher fast unmöglich ist, auf Produkte mit Palmöl komplett zu verzichten, weil der Rohstoff fast überall zum Einsatz kommt. Stattdessen setzen die Umweltschützer von Greenpeace eher darauf, Unternehmen zu überzeugen kein "schmutziges Palmöl" zu verwenden. Denn das Öl kann auch nachhaltig angebaut werden, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Jürgens stuft in erster Linie Bio-Palmöl, das meist aus Kolumbien oder Brasilien stammt, als unbedenklich ein. "Im ökologischen Palmöl-Anbau ist der langfristige Erhalt der Bodenfruchtbarkeit ein zentraler Aspekt", erklärt der 'Alnatura'-Sprecher. Um sicherzustellen, dass kein Urwald für die Bio-Plantagen vernichtet wird, setze man auf Flächen, die zuvor bereits landwirtschaftlich genutzt wurden. Aber auch in Indonesien gäbe es Plantagen von Kleinbauern, die das Öl im Einklang mit der Natur und der lokalen Bevölkerung produzieren, so die Greenpeace-Expertin. Ein Boykott würde als erstes die Existenzgrundlage dieser kleineren Plantagen gefährden.

„Es wird noch zu wenig nachhaltiges Palmöl genutzt, obwohl das längst möglich ist“, meint auch Daniel May vom ‚Forum Nachhaltiges Palmöl‘ (FONAP). Als Verbraucher könne man einen wichtigen Beitrag leisten, wenn man Produkte aus nachhaltiger Produktion kaufe, meint der FONAP-Mitarbeiter. Auf der Internetseite des FONAP können sich Verbraucher informieren, welche Hersteller ausschließlich zertifiziertes Palmöl verwenden.

Solche Zertifikate vergibt beispielsweise der 2004 von der Umweltschutzorganisation 'WWF' ins Leben gerufene Runde Tisch zum Thema Palmöl. Der 'Roundtable on Sustainable Palm Oil' (RSPO) versucht "möglichst viele zur Einhaltung der Mindeststandards zu bewegen", schreibt der 'WWF' auf seiner Internetseite. Das Label des RSPO garantiere keine Ökostandards, sondern signalisiere, "dass auf den Plantagen freiwillig mehr für Naturschutz und Menschenrechte getan wird, als gesetzlich vorgeschrieben". Laut Greenpeace reichen diese Standards aber längst nicht aus.

Das Unternehmen 'Ferrero' traf die Kritik der Umweltministerin Royal wohl eher zu Unrecht, denn laut Jürgens gehört es unter den Palmöl verarbeitenden Großunternehmen zu den fortschrittlichsten. Der italienische Konzern hätte sich nicht nur den Basisstandards des RSPO verpflichtet, sondern würde auch darüber hinaus strenge Kriterien von seinen Lieferanten einfordern. Auf Anfrage bestätigte auch die Pressestelle von 'Ferrero': "Wir [verwenden] ausschließlich Palmöl aus als nachhaltig zertifizierten Quellen." Dabei würde das Unternehmen zu 100 Prozent auf RSPO Palmöl setzen und zudem die nachhaltige Palmölbeschaffung durch eine "Ferrero Palmöl-Charta" verstärken.

Im Gegensatz zu anderen großen Unternehmen habe 'Ferrero' einen Plan, wie es "schmutziges Palmöl" aus seinen Produktionsketten verbannen wolle, erklärte die Greenpeace-Mitarbeiterin. Das mache das Unternehmen noch nicht zu einer "uneingeschränkt verantwortungsvoll handelnden Firma", dennoch sei der Druck großer Palmölabnehmer auf die Palmölindustrie wichtig, um verbleibende Regenwälder zu schützen. Ségolène Royal hat sich für ihren Boykott-Aufruf inzwischen entschuldigt.