Abgestürztes Flugzeug vor Gran Canaria war nur ein Schiff: Optische Täuschung mit großen Folgen

Abgestürztes Flugzeug vor Gran Canaria war nur ein Schiff: Optische Täuschung mit großen Folgen
Dieses Bild verbreitete sich schnell bei Twitter - ist hier ein Flugzeug ins Meer gestürzt?

Von Sebastian Werner

Es sind Meldungen wie diese, die in den Nachrichtenredaktionen plötzlich alle Redakteure unter Strom setzen: "EIL - Flugzeug vor Kanaren abgestürzt", leuchtet es rot auf dem Bildschirm auf. Die Agenturen melden eine Flugzeugkatastrophe und die Quelle scheint zuverlässig, der spanische Katastrophenschutz steht dahinter. Doch nur kurze Zeit später stellt sich heraus: Es gibt kein Flugzeug auf dem Meer vor Gran Canaria, es handelt sich um eine Ente. Wie konnte es dazu kommen?

Nur Minuten nach der falschen Meldung des Absturzes haben die Online-Portale einen neuen Aufmacher, News-Apps verschicken eilig 'Push-Notifications', bei Facebook und Twitter liefern sich Medien und Nutzer bei der Verbreitung der Nachricht ein virtuelles Wettrennen.

Es taucht sogar ein erstes Bild von den Kanaren bei Twitter auf – auf diesem ist scheinbar ein Flugzeug zu sehen, auf der Wasseroberfläche, einige hundert Meter von der Küste entfernt. Die Echtheit des Bildes lässt sich nur schwer verifizieren, es ist aber augenscheinlich keine Fotomontage und auch nicht bereits woanders im Netz publiziert worden. Erste Gedanken schießen einem durch den Kopf: Es sieht aus wie ein großes Flugzeug, aber es scheint, als hätte es notwassern können. Haben die Passagiere überlebt?

Unser Chefredakteur ist im Auto auf dem Heimweg und will nach der Eilmeldung gerade umkehren – da kommt plötzlich die Entwarnung, nur Minuten nach der ersten Meldung: "EIL - Spaniens Behörden ziehen Bericht über Flugzeugabsturz zurück"

Fassungslosigkeit in der Redaktion – wer hat hier den Fehler gemacht? Die Nachrichtenagenturen haben auf eine seriöse Quelle verwiesen, wie konnten diese Informationen falsch sein? Sofort wird die Meldung bei RTL.de und auf Facebook richtiggestellt.

Das Netz reagiert mit Hohn und Spott

Das Netz reagiert mit Hohn und Spott
So sieht das "Passagierflugzeug" von nahem aus. © dpa, Quique Curbelo

Aber was steckt dahinter? Kaum zu glauben: Eine optische Täuschung. Der staatliche Rettungsdienst in Gran Canaria teilt mit, dass Augenzeugen zwei Schiffe vor der Küste irrtümlich für ein Flugzeug gehalten haben und die Einsatzkräfte alarmierten. Der Knackpunkt: Die Zentrale der Luftverkehrskontrolle bestätigte dann laut dem Rettungsdienst, dass eine Passagiermaschine abgestürzt sei.

Der folgende Alarm wurde kurze Zeit später zurückgerufen, nachdem zwei Hubschrauber an der vermeintlichen Unglücksstelle einen Schlepper und ein Spezialschiff ausmachten – aber kein Flugzeug.

Wie reagiert das Netz? Mit Spott und Häme – nicht nur für die Medien, die der falschen Meldung aufgesessen sind, viel mehr für die Behörden und Augenzeugen, die ein Schiff für ein Flugzeug gehalten haben. So postet '@kungler' bei Twitter eine Parodie der ursprünglichen Eilmeldung: "+++ EIL +++ Schiff vor Gran Canaria abgestürzt +++" Blogger Thomas Knüwer kommentiert in dem Kurznachrichtendienst: "Rettungskräfte vor Gran Canaria verwechseln Boot und Flugzeug? Kannste Dir auch nicht ausdenken."

Andere User fragen sich, wie ein Boot aussieht, das man mit einem Flugzeug verwechseln kann – und die Antwort gibt wenig später ein neues Foto, welches über die Bildagenturen verbreitet wird. Man kann hier tatsächlich auf den ersten Blick an eine Passagiermaschine glauben, wenn man etwas weiter weg ist.

Doch besonders kurios: Die Augenzeugen waren sich bei ihren ersten Meldungen sogar sicher, erkannt zu haben, um welchen Flugzeugtyp es sich handelte. Jetzt wissen wir: Typ 'Ente'…



Sebastian Werner ist gebürtiger Hamburger und studierte Angewandte Medienwirtschaft an der 'medienakademie', wobei er sich besonders für den journalistischen Teil begeistern konnte. Das brachte ihn zu RTL interactive, wo er heute Chef vom Dienst der Nachrichtenredaktion ist. Er schätzt vor allem Themen, die die Menschen bewegen – oder bewegen sollten. Diese findet er im „echten“ Leben mit seiner Familie in Köln – und im „digitalen“ Leben in den verschiedenen Social Networks.