Abzug von Rebellen und Zivilisten aus Aleppo verzögert sich

Waffenruhe in Aleppo gebrochen
Waffenruhe in Aleppo gebrochen Weitere Kämpfe im Ostteil der Stadt 00:04:21
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Feuerpause offenbar gebrochen: Aleppo wieder unter Beschuss

In Aleppos Rebellengebieten harren noch immer zehntausende Menschen aus, die mit dem Schlimmsten rechnen. Ihre Hoffnung auf Rettung schwindet mehr und mehr, manche Botschaften klingen nach Abschied von dieser Welt. Einzige Hoffnung: Ein Abzug aus dem Kampfgebiet. An diesem Morgen sollte es losgehen - doch die Evakuierung verzögert sich. Gleichzeitig berichten Aktivisten und Beobachter, dass es im Ostteil der syrischen Großstadt erneut Kämpfe und Artilleriebeschuss gegeben hat. 

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Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte berichtete von einer Explosion durch Artilleriebeschuss des syrischen Regimes auf Ost-Aleppo. Dies sei ein klarer Bruch der Feuerpause, sagte der Leiter der Beobachtungsstelle, Rami Abdel Rahman. Aktivisten berichteten ebenfalls von Angriffen regierungstreuer Truppen. Die staatliche türkische Nachrichtenagentur 'Anadolu' meldete unter Berufung auf ihren Korrespondenten, syrische Regierungstruppen und mit ihr verbündete schiitische Milizen hätten die Waffenruhe durchbrochen. Sie hätten begonnen, den belagerten Teil mit schweren Waffen zu beschießen. Wie die russische Nachrichtenagentur Tass mit Verweis auf das russische Verteidigungsministerium meldete, hätten Rebellen versucht, die Belagerung der syrischen Truppen zu durchbrechen. Der Versuch sei zurückgeschlagen worden.

In Ost-Aleppo warten nach wie vor Zehntausende Menschen darauf, die Stadt verlassen zu können. Doch noch verzögert sich der Abzug. Hintergrund seien Unstimmigkeiten zwischen dem Regime und seinem Verbündeten Russland über die Einigung mit den Aufständischen, erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Bislang habe noch niemand die Stadt verlassen. Demnach ist Syriens Führung unzufrieden mit dem Abkommen, weil es ihm von Russland aufgezwungen worden sei. Moskau habe die Einigung zudem ohne Abstimmung mit ihr verkündet. Das Regime sei entschlossen gewesen, den Konflikt um Aleppo militärisch zu entscheiden. Die Armee und ihre Verbündeten hatten zuletzt mehr als 90 Prozent der bisherigen Rebellengebiete nach heftigen Kämpfen eingenommen.  

Russland als Verbündeter der Regierung und die Türkei als Unterstützer der Rebellen waren federführend bei den Verhandlungen. Das am Dienstag verkündete Abkommen sieht vor, dass Kämpfer und Zivilisten die Stadt in Richtung der von Rebellen kontrollierten Provinz Idlib verlassen. Nach Angaben aus der türkischen Regierung dürfen die Regimegegner ihre leichte Waffen behalten. Journalisten berichteten, erste Busse für den Transport von Kämpfern und Zivilisten stünden bereit. 

Der führende syrische Oppositionelle Hadi al-Bahra machte ebenfalls Syriens Regierung für die Verzögerung verantwortlich. Das Regime mache einen Rückzieher, erklärte der frühere Vorsitzende des größten Oppositionsbündnisses, der Syrischen Nationalen Koalition. Syriens Präsident Baschar al-Assad warf dem Westen vor, in Aleppo "Terroristen" zu unterstützen. Ihre Erklärungen zu der Stadt könnten als Bitte an Russland übersetzt werden, "das Vorrücken der syrischen Armee gegen die Terroristen zu stoppen", sagte Assad dem TV-Kanal Russia Today. Syriens Regime bezeichnete alle Oppositionsmilizen als Terroristen, auch gemäßigtere Gruppen.


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Aleppo: Das Ende der Menschlichkeit Kämpfe um ehemalige Rebellenstadt gehen weiter 00:01:32
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Gemischte Gefühle in Ost-Aleppo

Einwohner aus Ost-Aleppo nahmen das Abkommen mit gemischten Gefühlen auf. Für viele sei es "sehr schmerzvoll", weil sie "ihr Heimatland verlassen müssen", erklärte der Aktivist Abdulkhafi al-Hamdo. "Wir können zwischen zwei sehr schwierigen Möglichkeiten wählen", sagte er. "Unter der Kontrolle des Regimes zu bleiben ist schlimmer als die Hölle. Aber die Vertreibung selbst ist die Hölle."  

"Wir wissen nicht, ob wir zurückkommen können", sagte ein anderer Aktivist mit dem Namen Jassir. "Das ist ein sehr schwerer Moment." Viele Einwohner befürchten Racheakte des Regimes, sollten sie in die Hände von Regierungstruppen fallen. Diese haben nach UN-Angaben bei ihrer Offensive in Ost-Aleppo mindestens 82 Zivilisten getötet.  

In den verbliebenen Rebellengebieten sind noch Zehntausende Menschen in wenigen Vierteln eingeschlossen. Weil Ost-Aleppo seit Monaten vom Regime blockiert wird, ist die humanitäre Lage dort katastrophal. Es herrscht akuter Mangel an Trinkwasser, Lebensmitteln und medizinischer Versorgung. Große Teile Ost-Aleppos sind zerstört. Aktivisten wiesen Meldungen zurück, syrische Regierungskräfte hätten die Kontrolle über die gesamten Rebellengebiete Aleppos gewonnen. Der russische UN-Botschafter Witali Tschurkin hatte am Dienstag in New York erklärt, die syrischen Regierungstruppen hätten die vollständige Kontrolle über die Großstadt übernommen.

Unterdessen hat die US-amerikanische UN-Botschafterin Samantha Power die Rolle Russlands in Syrien scharf kritisert. Sie sprach von einem "Kollaps der Menschlichkeit" und fragte: "Schämen Sie sich nicht? Sind sSie unfähig etwas zu empfinden? Geht ihnen die Hinrichtung eines Kindes nicht unter die Haut?" Tschurkin bezeichnete Power daraufhin nur spöttisch als "Mutter Teresa". "Am Ende wird Gott darüber richten, wer Recht hatte", hieß es von ihm.

Das Regime soll gezielt Frauen und Kinder getötet haben

Die Nachrichten aus Ost-Aleppo waren zuletzt immer dramatischer: Wochenlange heftige Luftangriffe haben große Teile des Gebiets zerstört. Mehr als 460 Zivilisten sind seit Mitte November durch Angriffe der Regierung getötet worden. Nach UN-Angaben sitzen noch Tausende in ehemals von Rebellen kontrollierten Vierteln fest und kommen nicht raus. Ihnen drohe Festnahme, Folter und Tod. Fotos zeigen Menschen, die auf der Suche nach Schutz vor der Gewalt durch die Straßen irren.

Viele Eingeschlossene verbreiten Hilferufe über soziale Medien, manche Botschaften klingen nach Abschied von dieser Welt. "An alle, die mich hören können", sagt eine Frau, "uns droht ein Genozid. Dies ist vielleicht mein letztes Video." Wer in den schrumpfenden Rebellengebieten zurückgeblieben ist, rechnet mit dem Schlimmsten. Darunter sind viele oppositionelle Aktivisten, Feinde des Regimes. Die UN berichteten von Hunderten Männern, die nach ihrer Flucht in Regierungsgebiete verschwunden sind, Schicksal unbekannt. Regierungstruppen sollen nach Angaben der UN zudem mindestens 82 Zivilisten getötet haben. "Die Menschen, die erschossen wurden, wurden nach unseren Berichten sowohl auf der Straße erschossen, als sie fliehen wollten, also auch in ihren eigenen Häusern", sagt ein UN-Sprecher.

Nach Angaben der Vereinten Nationen waren in den vergangenen Tagen mehr als 40.000 Menschen aus den umkämpften Gebieten geflohen. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in Syrien sprach zuletzt von katastrophalen Zuständen. Es habe demnach keine medizinische Versorgung mehr gegeben. Die Menschen hätten sich teilweise tagelang versteckt, ohne Wasser und Nahrung.

Syrien und seine Verbündeten Russland und Iran sind nach Ansicht der USA für einen "kompletten Kollaps der Menschlichkeit" in Aleppo verantwortlich. Die drei Länder stünden hinter "der Eroberung und dem Blutbad in Aleppo" und seien für die in der Stadt verübten Gräueltaten verantwortlich, sagte die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, Samantha Power, im UN-Sicherheitsrat. Zudem zeigten sie keinerlei Gnade für die Zivilisten. "Können sie wirklich keine Scham fühlen? Gibt es wirklich nichts, was sie beschämt?", fragte Power. "Gibt es keinen barbarischen Akt, keine Hinrichtung eines Kindes, die unter Ihre Haut geht, die sie auch nur ein bisschen gruselt? Gibt es nichts, über das Sie nicht lügen oder das sie nicht rechtfertigen?"

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Abzug aus Aleppo beginnt am Mittwochmorgen

Jetzt kommt plötzlich eine Nachricht, mit der kaum noch jemand gerechnet hat: Das Regime und seine Gegner einigen sich auf einen Abzug der Rebellen, auch Zivilisten sollen die Stadt verlassen dürfen. Das wäre tatsächlich Rettung in letzter Sekunde. 6000 Zivilisten sollen laut Agentur-Angaben bereits mit Bussen aus der Stadt gebracht worden sein.