Ärgernis ‘Elterntaxis‘: Warum mit dem Schüler-Chauffieren Schluss sein muss

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Vor Schulen in Deutschland herrscht jeden Morgen Chaos.

Ein Kommentar von Christopher Reinfeld

Sollten Sie mal Lust auf ein völlig absurdes Schauspiel haben, dann stellen Sie sich doch mal morgens gegen 07:30 Uhr irgendwo in Deutschland vor eine ganz normale Grundschule. Sie werden aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr herauskommen. Immer mehr Eltern bringen ihre Kinder mit dem Auto zur Schule. Dadurch verursachen sie regelmäßig Verkehrschaos, treiben Anwohner in den Wahnsinn und sorgen sogar für Gefahr. Es ist Zeit zum Umdenken!

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Aufmerksam beobachten vier "I-Dötzchen" am 2.8.1999 an der Konkordia-Grundschule in Düsseldorf vor der Überquerung den Straßenverkehr. In Nordrhein-Westfalen beginnt für 206900 Erstklässler der Schulunterricht. Die Polizei in Nordrhein-Westfalen kümm
Schulanfänger überqueren Straße © C3397 Gero Breloer

Wenn die SUV-Motoren dröhnen, Abgase wie ein Schleier über der Straße hängen und kleine Kinder eilig durch riesige Autoschlangen schleichen – dann hat der alltägliche Schulwahnsinn begonnen. Es ist zu beobachten, wie Eltern ihren Nachwuchs hektisch aus den Autos zerren, es wird gehupt, gepöbelt und geweint. Lehrer und Anwohner stehen daneben und schauen dem Treiben fassungslos zu.

Der Schüler von heute wird immer häufiger wie ein Popstar oder Politiker bis zum Eingang chauffiert, statt den Weg zur Schule allein zu meistern. Vor 40 Jahren kamen noch 90 Prozent der Schüler eigenständig zum Unterricht, heute sind es nur noch 50 Prozent. Das geht aus einer aktuellen ADAC-Studie hervor.

Schulweg mit dem Auto keinesfalls sicherer

Dabei drängt sich eine Frage geradezu auf: Warum machen Eltern das? Oft argumentieren sie mit dem Thema Sicherheit. Viele Eltern sind der Meinung, dass Bus, Bahn oder Fahrrad viel gefährlicher wären als die Fahrt im eigenen Mittelklasse-Kombi. Doch sie irren sich. Zahlen des ADAC widerlegen das. Laut dem Automobilclub kamen allein im vergangenen Jahr mehr als 10.000 Kinder unter 15 Jahren im Auto zu Schaden – deutlich mehr als Kinder, die zu Fuß unterwegs waren.
Und auch für die kleinen Fußgänger stellen Autos die größte Bedrohung dar. Denn gerade im morgendlichen Verkehrsstau vor der Schule stehen viele Eltern enorm unter Zeitdruck – die Arbeit ruft. Die Folge sind riskante Wendemanöver und Unachtsamkeit. Eine äußerst gefährliche Situation für alle Beteiligten.

Frage 1 von 1:

Elterntaxi: Was meinen Sie?

ODER

Politik fordert zunehmend Verbote

Schülerlotsen der Dietrich Bonhoeffer Realschule aus Hannover helfen Kindern des benachbarten Kindergartens sicher über die Strasse (Foto vom 10.10.2003). Bis zu 5000 brauchen wir aber schon, um die Überwege in Niedersachsen sinnvoll zu sichern, sagt
Schülerlotsen helfen Schülern über die Straße. © picture-alliance / dpa, Rainer Jensen

Um das Problem zu entschärfen, setzen viele Schulen und Kommunen auf Aufklärungskampagnen und ‘gutes Zureden‘. Allerdings laufen diese Maßnahmen meistens ins Leere und bringen höchstens kurzfristige Besserung. Es ist wie so oft: Wo der Appell an die Vernunft versagt, müssen wohl oder übel Verbote her. Genau für diesen Weg hat man sich jetzt in London entschieden. Weil auch im Osten von Englands Hauptstadt das Chaos durch Elterntaxis überhandnahm, haben Lokalpolitiker ein neues Gesetz erlassen. Es verbietet Eltern ihre Kinder mit dem Auto zu einer gewissen Zeit zur Schule zu bringen oder von der Schule abzuholen. Wer es doch tut, riskiert eine satte Strafe von umgerechnet rund 116 Euro. Auch in Deutschland machen sich Politiker zunehmend für Verbote und Straßensperren stark. Ein drastischer Schritt, ja. Aber auch ein richtiger!

Elterntaxis strapazieren die Umwelt und die Nerven der Anwohner

Denn die täglichen Fahrten zur Schule passen auch grundsätzlich nicht mehr in unsere Zeit. Städte suchen händeringend nach Lösungen, um die Qualität der Luft zu verbessern. Bestimmte Dieselfahrzeuge könnten schon bald aus Innenstädten verbannt werden. Die Gefahr, die von Feinstaub ausgeht, hat sich spätestens seit dem VW-Abgasskandal in das kollektive Gehirn unserer Gesellschaft eingebrannt. Warum also sollten gerade die Fahrten zur Schule nicht auf dem Prüfstand stehen?

Wer das Auto stehen lässt, schont zudem auch die Nerven derjenigen, die in der Nähe einer Schule wohnen. Klar, wer sich eine Bleibe in Schulnähe sucht, der weiß, dass es laut werden kann. Aber wenn zu stetigem Lärm auch noch tägliches Verkehrschaos inklusive akuten Parkplatzmangels und einer ordentlichen Portion Abgase hinzukommen, ist der Bogen überspannt. Besonders oft ärgern sich Anwohner zu den Hauptchaos-Zeiten auch über zugeparkte Einfahrten. „Ich wollte ja nur schnell mein Kind holen“, hören Betroffene dann gerne zwei bis drei Mal am Tag. Das nervt.

Grundsätzlich dürfen Bequemlichkeit oder überzogene Angst für Eltern nicht länger als Grund dienen, jeden Morgen den Schulweg mit dem Auto anzutreten. Es gibt gute Gründe, Kinder allein zur Schule gehen zu lassen. Sie lernen dadurch früh mehr Eigenständigkeit und haben jeden Tag Bewegung an der frischen Luft – einfach so.