Argentinier sehen Gaucho-Tanz locker: "Seid doch die Könige der Welt!"

Von Sebastian Werner

Darf die deutsche Nationalelf nach dem Finalsieg gegen Argentinien bei der Feier mit den Fans ein Lied anstimmen, mit dem der Unterlegene verspottet wird? Die Diskussion artet aus - viele Medienvertreter sagen: Nein. Doch Fußball-Deutschland sagt fast einhellig: Ja! Was denken eigentlich die Argentinier über die Diskussion? Wir haben nachgefragt.

Zwei argentinische Fans beim Public Viewing.
Wie fassen die Argentinier die Debatte um den WM-Tanz der Deutschen auf? © imago/Marca, imago sportfotodienst

Es geht um den Moment auf der Berliner Fanmeile, als mehrere DFB-Kicker das Lied anstimmten: "So gehen die Gauchos, die Gauchos, die gehen so." Dazu wird dann gekrümmt über die Bühne geschlichen, um direkt danach zu zeigen, wie lustig hüpfend die Deutschen nach dem Triumph gehen. Ein alter Fangesang, von Holländern auf Argentinier umgedichtet.

"Ich habe davon gelesen, das Video vom Tanz aber noch nicht gesehen", berichtet uns die 30-jährige Luciana Carrega aus Buenos Aires. Es sei für einen Fußball-Fan zwar nicht einfach, wenn der Gegner so feiert, aber es sei ja ein faires Spiel gewesen. Der Gaucho-Tanz ist ihr deshalb auch egal: "Ihr habt den verdammten WM-Titel gewonnen, macht doch! Seid doch die Könige der Welt!"

Candy San Martino ist Lehrerin in der argentinischen Hauptstadt. Auch sie ist wegen des deutschen Tanzes gelassen - in Argentinien würden sich die Menschen ähnlich respektlose Lieder ausdenken: "Aber gegen Brasilien, unseren ewigen Rivalen. Gegen Deutschland bislang nicht." Auch Luciana meint: Wäre der Titel nach Argentinien gegangen, "hätten unsere Feiern bestimmt genauso ausgesehen".

Candys Mann Hernan Rodriguez Arias will gar nicht groß über den Tanz sprechen – sein einziger Kommentar: "Wir sagen hier immer: Fußball ist ein wunderbares Spiel, das alle lieben und in dem immer Deutschland gewinnt."

Argentiniens Presse nennt den Tanz "polemisch"

RTL-Reporter Adrian Geiges berichtet aus Brasilien, dass viele Argentinier an der Copacabana schon gleich nach der Finalniederlage durchaus empfindlich auf die Pleite reagiert haben. Da warfen schon manche "Flaschen und Stühle", so Geiges. Verglichen damit ist die vereinzelte leichte Kritik am Gaucho-Tanz eher harmlos.

Emotionaler war da schon, wie der in Argentinien bekannte uruguayische Sportjournalist Victor Hugo Morales die Deutschen als "ekelhafte Nazis" bezeichnete. Der Uruguayer ist allerdings für seine pointierten politischen Kommentare berühmt berüchtigt und nicht unbedingt ein Sprachrohr der Straße. Die argentinische Sportzeitung 'Olé' kritisierte die Szene lediglich als "polemisch". Im Online-Portal der großen Tageszeitung 'Clarin' gibt es einen kurzen Artikel mit dem Tanz-Video, das Thema ist aber offensichtlich nicht ganz oben auf der Agenda.

Auch der DFB schaut nach dem Vorfall nach Südamerika: Präsident Wolfgang Niersbach will Argentiniens Verbandschef Julio Grondona "einen Brief schreiben und nochmal deutlich machen, dass die Aktion in keinster Weise despektierlich gemeint war. Wir haben größten Respekt vor Argentinien, beste Beziehungen zum dortigen Verband und freuen uns auf das baldige Wiedersehen beim Länderspiel in Düsseldorf."



Sebastian Werner ist gebürtiger Hamburger und studierte Angewandte Medienwirtschaft an der 'medienakademie', wobei er sich besonders für den journalistischen Teil begeistern konnte. Das brachte ihn zu RTL interactive, wo er heute Chef vom Dienst der Nachrichtenredaktion ist. Er schätzt vor allem Themen, die die Menschen bewegen – oder bewegen sollten. Diese findet er im „echten“ Leben mit seiner Familie in Köln – und im „digitalen“ Leben in den verschiedenen Social Networks.