Das Geschäft mit dem guten Gewissen: Ist Fairtrade ein "fehlerhaftes System"?

Das Geschäft mit Fairtrade-Produkten boomt.
Die Produktpalette von Fairtrade wächst stetig. Dauerbrenner sind allerdings immer noch Kaffee, Bananen und Kakao. © dpa, Daniel Karmann

Von Julia Müller

Das Geschäft mit dem guten Gewissen blüht wie nie - und das aus gutem Grund. Schon nach dem Aufstehen, beim Kaffeetrinken, ganz nebenbei etwas Gutes tun, in der Pause bei der Arbeit mit einer fair gehandelten Banane die Ungerechtigkeit in der Welt bekämpfen. Allein in Deutschland hat sich der Umsatz von Fairtrade-Produkten in den letzten Jahren verzehnfacht. 2014 kauften die Deutschen mit gutem Gewissen Waren im Wert von über 800 Millionen Euro.

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Während viele Menschen hierzulande auf die Produkte setzen, die Kleinbauern einen angemessenen Preis für ihre Waren garantieren, stellen neueste Studien den Erfolg von Fairtrade in Frage. "Wir haben herausgefunden, dass in Gebieten in Uganda und Äthiopien mit Fairtrade zertifizierten Kooperativen die Löhne oft niedriger als in nicht zertifizierten waren. Außerdem waren die Arbeitsbedingungen dort nicht so gut", erklärt Christopher Cramer von der London School of Oriental and African Studies der University of London (SOAS).

Seiner Meinung nach, liegt es an der großen Anzahl, die es schwierig macht, ausreichend zu kontrollieren: "Natürlich gibt es 'gute' und auch 'schlechte' Arbeitgeber. Für die Regierung ist es allerdings schwer, jene effektiv zu überprüfen." Aus diesem Grund plädiert er für bessere Standards und unabhängige Wirtschaftsprüfer. Aber auch der Endverbraucher, also genau die Menschen, die denken, dass sie mit ein paar Cent Aufpreis Arbeiter in der dritten Welt unterstützen, müssen laut Cramer aktiv werden und Fairtrade stärker in die Verantwortung nehmen.

Der amerikanische Ökonom Bruce Wydick würde Cramer in diesem Punkt wahrscheinlich Schützenhilfe leisten: "Der betroffene Kaffeetrinker muss mehr Druck auf die Organisation ausüben, damit diese die Fehler in ihrem System korrigiert", so der Professor der University of San Fransisco. Er erklärt, dass Fairtrade nicht annähernd so gut funktioniert, wie viele Menschen annehmen.

Um jenes Siegel tragen zu dürfen, wird zuallererst Geld für die Zertifizierung fällig. Bei Kaffee, dem Fairtrade-Produkt Nummer eins, welches um 18 Prozent (auf 13.020 Tonnen) zulegte, lohnt sich das allerdings nicht immer. Denn nur wenn die Kaffeepreise niedrig sind, nimmt der Verkauf zu. Genau dann nimmt die Anzahl der Produzenten zu, die sich zertifizieren lassen, sodass sich der Gewinn entsprechend zerstreut.

Eine neue Studie von dem amerikanischen Professor Alain de Janvry belegt die Aussagen von Wydick. Demnach fanden die Wissenschaftler keine positiven Langzeiteffekte, da die hohen Kosten für die Zertifizierung die wirtschaftlichen Vorteile zunichte machten. Geforscht wurde anhand von gesammelten Daten aus 13 Jahren von Kaffee-Kooperativen in Guatemala.

Fairtrade begrüßt kritische Studien

Für Wydick ist es ein Unding, dass "fair" gehandelte Produkte zu Konsumenten in reichen Ländern gelangen, sodass diese sich besser fühlen. Schließlich gehen sie beim Blick auf das Siegel davon aus, mit ihrem Kauf eine Besserung des Lohns sowie der Arbeitsbedingungen erreicht zu haben. Wydick unterstreicht: "Führende Entwicklungsökonome halten Fairtrade für ein zutiefst fehlerhaftes System."

Besonders unzufrieden seien viele Wirtschaftswissenschaftler, da 'Fairtrade USA' über jene Fehler in Kenntnis gesetzt wurde, jedoch anscheinend kein Interesse an einer Optimierung hege: "Viele von uns Ökonomen sind wirklich schwer enttäuscht. Es ist eine Sache einen Fehler zu begehen, aber es ist eine anderer ihn nicht zu korrigieren gerade wenn es die Lebensbedingungen der Ärmsten betrifft."

Er ist sich sicher, dass es für Fairtrade ein leichtes wäre, etwas daran zu ändern. Wydick schlägt eine feste Gebühr vor, die zum Beispiel auf jede Tasse oder auf jedes Pfund Kaffee erhoben werden könnte. Das Geld sollte dann gezielt an die Produzenten gehen oder in deren Bildung investiert werden.

Doch was sagt das Unternehmen dazu, dass sich vor kurzem noch über ein starkes Wachstum auf dem internationalen Markt gefreut hat? Das gerade bekannt gab, dass deutsche Verbraucher und Verbraucherinnen 2014 827 Millionen Euro ausgaben, also 173 Millionen mehr als im Vorjahr? Fairtrade begrüße kritische Studien, so eine Sprecherin des Unternehmens. Denn dadurch gäbe es oft auch Anregungen für mögliche Verbesserungen. Bleibt zu hoffen, dass diese dann auch umgesetzt werden. Darüber würden sich sicherlich nicht nur die Ökonomen, sondern auch die Verbraucher freuen.