Durchs Netz gefallen: Rund 100.000 Deutsche ohne Krankenversicherung

Vom Gesundheitssystem vergessen?

Ob mit Job oder ohne - man meint, in Deutschland sei jeder krankenversichert. Aber mehr als 100.000 Menschen sind es nicht. Obdachlose betrifft es, aber auch viele Leute aus dem Mittelstand und kleinere Unternehmer, die sagen, eine Krankenversicherung könnten sie sich nicht mehr leisten.

- Anzeige -

Während andere Praxen am Mittwochnachmittag schließen, öffnet Dr. Uwe Denker, Arzt in Bad Seeberg, für die Ausgeschlossenen. Zwei Stunden lang behandelt der 74-Jährige diejenigen, die unser Gesundheitssystem offenbar vergessen hat.

Finanzierung der 'Praxis ohne Grenzen' erfolgt durch Spenden

"Von dem Neugeborenen bis 76 ist kommt alles hierher, auch ganze Familien", so Denker. Trotz Versicherungspflicht im Sozialstaat Deutschland fallen mehr als 100.000 Menschen durch das Raster. Doch in Denkers Wartezimmer sitzen nicht nur Obdachlose, im Gegenteil: Dr. Denkers Patienten sind zur Hälfte gestrandeter Mittelstand - vom Dachdecker über den Grafiker bis zum Unternehmer.

"Wenn Sie nachfragen, sind das Leute, die vorher privat versichert waren und die Prämie nicht mehr zahlen können, oder es sind Leute, die freiwillig bei einer gesetzlichen Kasse waren und auch da die Prämie nicht mehr zahlen können", verrät der Arzt.

Die 'Praxis ohne Grenzen' finanziert sich durch Spenden. Behandlung und Medikamente sind kostenlos. Weil sich der Nachschub an Medikamenten jedoch zum Teil schwierig gestaltet, hat das Bundesgesundheitsministerium nun Unterstützung zugesichert. Die Praxis bekommt überschüssige Arzneien gestellt, die von einem Apotheker geprüft werden.

"Jetzt haben wir einen Weg gefunden (…), dass überschüssige Arzneimittel beispielsweise aus Pflegeheimen, die noch nicht verbraucht sind, die noch nicht angetastet worden sind, die noch voll wirksam sind, noch nicht abgelaufen sind, diesen Menschen zur Verfügung gestellt werden können", so Daniel Bahr (FDP), Gesundheitsminister.

Da der Apotheker mit der Prüfung auch die Produkthaftung trägt, sieht der Apothekerverband das System mit Skepsis. Außerdem würde Minister Bahr so nicht das Problem lösen. Die Unversicherten würden ja bleiben. "Es muss eine politische Regelung sein, die auch klärt, wer dann die Kosten tragen soll, weil die Menschen sie offensichtlich selber nicht tragen können", fordert Dr. Thomas Friedrich vom Apothekerverband.

Wegen des großen Bedarfs plant Dr. Denker, weitere Praxen zu eröffnen. Solange seine Hilfe noch gebraucht wird, muss der Ruhestand auf den 74-Jährigen warten.