Ein Jahr H1N1 - War die Panikmache gerechfertigt?

April 2009: Journalisten trauen sich nur mit Schutzmasken an den fünfjährigen Edgar heran.
April 2009: Journalisten trauen sich nur mit Schutzmasken an den fünfjährigen Edgar heran.

Von Sebastian Werner

Vor einem Jahr begann der Untergang der Welt – falls man der Panikmache der Weltgesundheitsorganisation WHO und der Medien rund um den Globus Glauben schenken wollte.

Jetzt, ein Jahr nach dem Beginn des Kreuzzuges des H1N1-Virus, ist die Welt nicht untergegangen. Von den laut WHO bei einer Pandemie wie der Schweinegrippe zu befürchtenden bis zu 7,4 Millionen Todesopfern sind nach aktuellen Zahlen 7.383.545 Menschen noch am Leben.

Unter ihnen ist auch Edgar Hernandez. In seiner mexikanischen Heimat nennt man ihn 'nino cero': Der erste Mensch, der an der Schweinegrippe erkrankte. Der damals Fünfjährige bekam im März 2009 schweres Fieber, lag vier Tage lang flach – und dann war es auch schon wieder vorbei und der Junge berappelte sich wieder. Inzwischen wissen wir: Der Krankheitsverlauf bei den meisten deutschen Schweinegrippe-Patienten verlief meist sogar noch unspektakulärer.

Was bleibt, sind immense Kosten für nicht genutzte Impfstoffe und die Sorge von Experten, dass die Menschen bei einer wirklichen Pandemie den Ernst der Lage in Zukunft unterschätzen werden. Nicht einmal jeder zehnte Deutsche hat sich gegen Schweinegrippe impfen lassen. Das geht aus Daten des niedersächsischen Gesundheitsministeriums hervor. "Die Zahl liegt merklich unter der Impfrate einer normalen Grippesaison von rund 20 Prozent", so der Sprecher des niedersächsischen Gesundheitsministeriums, Thomas Spieker.

Medien und Politiker verließen sich auf WHO

Warnungen vor der Schweinegrippe und Impfstoffe ließen die meisten Deutschen kalt.
Warnungen vor der Schweinegrippe und Impfstoffe ließen die meisten Deutschen kalt. © dpa, A3929 Julian Stratenschulte

Damit wurden nicht einmal 8 Millionen Dosen des Impfstoffs 'Pandemrix' verbraucht. Nach harten Verhandlungen müssen die Länder nun zwar 'nur' 34 Millionen der 50 Millionen Impfstoffdosen vom Pharmahersteller GlaxoSmithKline abnehmen – die Kosten für die verbleibenden überflüssigen Ampullen bleiben aber beim Steuerzahler hängen. Die Länder berufen sich auf die Warnungen der WHO, die im Juni 2009 Stufe 6 der Seuche ausrief – also eine Pandemie.

Die Medien gingen ihrer Verantwortung nach, die Bevölkerung zu warnen - auch RTL Online berichtete über die Ausbreitung der Schweinegrippe und die große Zahl von Todesopfern, die Deutschland und der Welt drohte. In Deutschland sind nach Angaben des Robert-Koch-Instituts bislang aber nur 243 Menschen an einer H1N1-Infektion gestorben – die schlimmsten Prognosen der Experten hatten bis zu 150.000 erwartet..

Politiker und Medien haben sich in ihrer Pflicht, die Menschen zu informieren und zu beschützen, auf die Warnungen der WHO verlassen. Das Problem: "Die WHO und auch die meisten Staaten hatten Pandemiepläne, die nicht zwischen gefährlichen und eher harmlosen Grippeviren unterscheiden", erklärt Alexander Kekule, Mikrobiologe an der Universität Halle-Wittenberg. Er fordert daher die Anpassung der öffentlichen Pandemiepläne. "Die strikte Orientierung an den Phasen der WHO ist nicht optimal, weil Phase 6 nicht zugleich eine globale Katastrophe bedeutet, wie viele glaubten."

Die WHO sieht aber keinen Grund, seine Warnungen vor der Schweinegrippe zurückzuziehen oder zu differenzieren. Die Krankheit habe zwar nicht die Ausmaße früherer Ausbrüche angenommen, teilte die WHO im Februar mit. Es sei aber verfrüht, davon auszugehen, dass die Pandemie ihren Höhepunkt in allen Teilen der Erde bereits überschritten habe. Auch wenn die Weltgesundheitsorganisation sich über die weitere Verbreitung der Schweinegrippe nicht sicher ist: Sicher ist der WHO in jedem Fall ein großer Vertrauensverlust in der Bevölkerung und den Regierungen der Welt.



Sebastian Werner ist gebürtiger Hamburger und studierte Angewandte Medienwirtschaft an der 'medienakademie', wobei er sich besonders für den journalistischen Teil begeistern konnte. Das brachte ihn zu RTL interactive, wo er heute Chef vom Dienst der Nachrichtenredaktion ist. Er schätzt vor allem Themen, die die Menschen bewegen – oder bewegen sollten. Diese findet er im „echten“ Leben mit seiner Familie in Köln – und im „digitalen“ Leben in den verschiedenen Social Networks.