Facebooks Timeline: Harmlose Chronik oder das Ende der Privatsphäre?

Facebooks Timeline: Harmlose Chronik oder das Ende der Privatsphäre?
Facebook-Gründer Mark Zuckerberg präsentiert seine eigene 'Timeline' - sie ist bald für alle Nutzer Pflicht. © REUTERS, ROBERT GALBRAITH

Von Sebastian Werner

Das ganze Leben auf einer Seite - so sieht die Zukunft von Millionen Deutschen aus. Es geht aber nicht um den Lebenslauf für die nächste Job-Bewerbung, sondern um die Umstellung von Facebook auf die neue 'Timeline', die in Deutschland unter dem Namen 'Chronik' die bisherige Profilansicht ersetzen wird. RTL Aktuell Online hat die Nutzer der Facebook-Seite von RTL Aktuell nach ihren Fragen und Sorgen rund um die neue Funktion gefragt - und Facebook hat sie beantwortet.

Es ist erst wenige Jahre her, seit die ersten deutschen Internet-Nutzer Communitys für sich entdeckten. In Foren und Chats erstellten sie sich um die Jahrtausendwende Profile - allerdings selten mit ihrem echten Namen. Pseudonyme wie 'LittleKitty76' oder 'Morpheus' eroberten das Internet. Wenig später erkannten die ersten das Potential des Internets als Kommunikationsplattform zum Austausch mit Freunden - zunächst noch in einzelnen Diensten für abgeschlossene Gruppen. Den Siegeszug der großen offenen sozialen Netzwerke leitete in Deutschland das 'StudiVZ' ein - es kopierte die Systematik einer neuen amerikanischen Plattform, die hierzulande noch nicht verfügbar war: Facebook.

Spätestens jetzt ging der Hang zu Phantasienamen bei dem Großteil der Nutzer verloren. Aus 'LittleKitty76' wurde wieder die Katharina, aus 'Morpheus' wieder der Michael. Netzwerke wie StudiVZ, wer-kennt-wen.de und eben Facebook etablierten sich in allen Schichten der Gesellschaft - aber erst seit kurzem werden sich viele darüber klar, welche Datenschätze jeder einzelne großen Unternehmen inzwischen anvertraut hat.

Der Besucherzahlen- und Nutzer-Primus unter den Netzwerken in Deutschland ist inzwischen Facebook. Jetzt legt Gründer Mark Zuckerberg noch eins drauf: Die 'Chronik' kommt. Sie soll das angestammte und allen Nutzern vertraute Facebook-Profil ersetzen. Wie uns Facebook auf Anfrage mitteilte, wird die Funktion "in den kommenden Wochen für alle Nutzer - auch in Deutschland - ausgerollt". Anders als bisher werden alle Informationen über das Leben eines Menschen übersichtlich auf einer Seite präsentiert - in Form einer Zeitleiste von oben nach unten, durch die man sich bequem mit der Maus navigieren kann.

Fünf Test-Tage als Gnadenfrist für skeptische Nutzer

Facebook-Profil von Mark Zuckerberg
So sieht der obere Bereich des neuen persönlichen Profils aus - darunter schließt sich die scrollbare Zeitleiste an.

Die größte Sorge der Nutzer von RTL Aktuell bei Facebook ist, ob jetzt noch mehr Daten erfasst, verarbeitet und angezeigt werden. Ein deutscher Sprecher des Netzwerks erklärte, es würden "keine zusätzlichen Daten erhoben. Es handelt sich lediglich um eine veränderte Darstellung des alten Profils." Doch die Veränderung der Darstellung hat es in sich: Im Selbstversuch unserer Redaktion stellen wir fest, dass man jetzt ungehemmt alle Daten auf einen Blick durchstöbern kann - jede Aktivität eines Nutzers bei Facebook ist protokolliert - von der Geburt bis zum aktuellen Tag.

Auf der einen Seite möchte man entgegnen, dass die Nutzer selbst schuld daran sind, wenn sie selbst zu Facebook strömen und bereitwillig alles mitteilen, was eigentlich Teil ihrer Privatsphäre ist. Aber die neue Chronik geht eben weiter als bisher. Hier ist das gesamte Leben eines Nutzers wie in einem Online-Magazin dargestellt, mit allen Fotos, Videos und Notizen, die vielleicht beiläufig und unbedacht ins Netz gestellt wurden. Natürlich alles ansprechend präsentiert für einfaches Nachschlagen. Konnte der einzelne Nutzer das absehen, als er vor Monaten und Jahren etwas ihm heute Unangenehmes postete?

Entziehen kann man sich der Chronik zudem nicht. "Sie ist eine neue Form des bisherigen Profils und wird künftig für alle Nutzer eingeführt", so der Sprecher des Netzwerks - weitermachen mit dem bisherigen Profil, was sich viele Nutzer der Facebook-Seite von RTL Aktuell wünschen, kann man also nicht.

Im Selbstversuch unserer Redaktion versprühte die neue Seite aber auch einen gewissen Charme - mit frei wählbarem großem Bild ganz oben und mit der Möglichkeit, selbst zu gewichten, welche Inhalte wie groß präsentiert werden. Wie Facebook uns versicherte, kann jeder Nutzer außerdem wie beim bisherigen Profil selbst bestimmen, wer welche Inhalte zu sehen bekommt - oder ob eine Information gar nicht den Weg auf die Timeline finden soll.

"Darüber hinaus haben Nutzer künftig die Möglichkeit, über das sogenannte Aktivitätenprotokoll noch einfacher und genauer nachzuvollziehen, was sie jemals auf Facebook geteilt haben", so Facebook - inklusive der Möglichkeit, alte Einträge zu löschen.

Die Chronik kann zudem wie das bisherige Profil auch komplett nur für einen bestimmten Nutzerkreis sichtbar gemacht werden. Dann werden für alle anderen "weiterhin nur der Name und das Profilbild" zu sehen sein, so der Sprecher. Im unserem ersten Test der Timeline zeigt sich, dass tatsächlich erstaunlich einfach einstellbar ist, was auf der Seite stehen soll und was nicht. Und auch, wer es lesen kann und wer nicht.

Datenschützer werfen Facebook dennoch schon lange eine Datensammel-Wut vor, die neue Präsentation der Daten verschärft diese Debatte noch. Dazu kommt, dass Facebook mit der Chronik den nächsten Schritt auf der Evolutionstreppe der Online-Netzwerke starten will und nicht nur die bisher bekannten Inhalte ansprechender und aufgeräumter präsentiert - gleichzeitig sollen über Schnittstellen jede Menge weitere Informationen gesammelt und angezeigt werden. Nutzer sollen ihren Freunden zeigen können, welche Musik sie gerade hören, welche Filme sie schauen oder welche Artikel sie lesen. Dutzende Musikdienste, Online-Videotheken und Websites von Medienunternehmen kooperieren dafür mit Facebook.

Ein großer Teil der Nutzer von RTL Aktuell bei Facebook äußerte die Sorge, dass plötzlich die Timeline aktiviert wird und unkontrolliert Inhalte im Netzwerk erscheinen, die man bisher auf der eigenen Profilseite blockiert hatte - oder dass Jahre alte peinliche Inhalte wieder auftauchen, die man längst vergessen hatte. Facebook verspricht aber, die Nutzer frühzeitig auf die neue individuelle Ansicht hinzuweisen, bevor sie für alle sichtbar wird. "Wenn man sie erst im Hintergrund ausprobieren möchte, hat man fünf Tage Zeit, um seine Chronik zu gestalten und kann innerhalb dieses Zeitraums selbst entscheiden, wann man sie für seine Freunde live schalten möchte", so Facebook.

Für viele Nutzer sind die ständigen Änderungen bei Facebook zu viel - sie drohen schon offen mit dem Rückzug von Facebook. Alternativen wie wer-kennt-wen.de oder Google+ stehen bereit. Wer aber gar nicht auf Zuckerbergs Welt verzichten kann oder will, zieht möglicherweise eine andere Konsequenz - vielleicht heißen unsere Freunde bei Facebook ja bald wieder 'LittleKitty76' und 'Morpheus'?



Sebastian Werner ist gebürtiger Hamburger und studierte Angewandte Medienwirtschaft an der 'medienakademie', wobei er sich besonders für den journalistischen Teil begeistern konnte. Das brachte ihn zu RTL interactive, wo er heute Chef vom Dienst der Nachrichtenredaktion ist. Er schätzt vor allem Themen, die die Menschen bewegen – oder bewegen sollten. Diese findet er im „echten“ Leben mit seiner Familie in Köln – und im „digitalen“ Leben in den verschiedenen Social Networks.