Giftige Chemikalien in Schuhen: So leiden Arbeiter in Gerbereien in Bangladesch

Unmenschliche Arbeitsbedingungen: Arbeiter werden oft nicht älter als 50

Schöne Schuhe machen uns glücklich. Der Geruch von gegerbtem Leder steht für Qualität. Die wenigsten von uns machen sich Gedanken darüber, von wem und unter welchen Bedingungen die Schuhe hergestellt werden. Tatsache jedoch ist: Teure Lederschuhe werden oft von Kindern hergestellt, die unter erbärmlichen Bedingungen leben und arbeiten müssen und sich selbst voraussichtlich niemals solche Schuhe werden leisten können. Wir haben diese Kinder in Bangladesch besucht.

Vor gut einem Jahr wurde bekannt, dass bei einem Fabrik-Einsturz in Bangladesch hunderte Arbeiter zu Tode kamen, als sie auch deutsche Billigklamotten nähten. Seitdem achten noch mehr Menschen darauf, welche Kleidung sie tragen. Viele versuchen auch bei Schuhen, nur fair gehandelte Ware zu kaufen. Was jedoch auch Kunden nicht wissen, ist, wo das Leder eines Schuhs herkommt und wie es gegerbt wird. Der Aufdruck im Schuh zeigt nämlich nur den Vertriebsort an. Wo das Leder herkommt, muss am Schuh oder auf der Verpackung nicht gekennzeichnet werden.

Ein Test mit versteckter Kamera in deutschen Schuhgeschäften zeigt, dass auch die Verkäuferinnen nicht wissen, woher das Leder für die Schuhe kommt oder ob die Schuhe womöglich Giftstoffe vom Gerben enthalten. Alle Verkäuferinnen versichern uns, dass ihre Schuhe für den Träger ungefährlich seien - auch ganz billige Flipflops und Sandalen. Dabei sind Lederschuhe aber aktuell gerade immer wieder in den Schlagzeilen. Ganz oft sollen sie zum Beispiel gesundheitsgefährdendes Chrom 6 enthalten. Wir kaufen eine Auswahl an teuren und billigen Damen- und Herrenschuhen und bringen sie zum Testen ins Labor. Später werden wir erfahren, ob es für uns hier in Deutschland wirklich gefährlich sein kann, Lederschuhe zu tragen.

Bis dahin fahren wir an den Ort, der jedes Jahr Leder für knapp 50 Millionen Dollar nach Deutschland verkauft: Es ist wieder Bangladesch. Allein im Stadtteil Hazaribagh gibt es 150 Gerbereien – und keine Umweltauflagen. Giftige Abwässer laufen direkt in den Fluss, an dem die Menschen leben. „Gestern ist hier schon wieder ein Kind ins Wasser gefallen und nicht mehr hochgekommen. Wir glauben, in diesem Fluss wohnt etwas sehr Böses“, erzählt uns Shimu. Das ‚Böse‘ im Fluss sind die Chemikalien.

Shimu würde später gerne Ärztin werden, damit sie in solchen Fällen helfen könnte. Doch in Bangladesch scheint das utopisch. Bisher verkauft Shimu bis in die Nacht hinein Kaugummis, um zu überleben. Viele andere Kinder schuften in den Gerbereien - dicht neben gefährlichen, veralteten Maschinen. Immer wieder verlieren Arbeiter hier Finger oder gar eine ganze Hand. Eine Unfall- oder Krankenversicherung gibt es nicht. Knapp 28 Euro verdient ein Gerberei-Arbeiter hier – im Monat. 90 Cent am Tag, 9 Cent in der Stunde.

Richard Pearshouse von ‚Human Rights Watch‘ hat die Situation Stadtteil Hazaribagh analysiert. „Alle diese Probleme könnten gelöst werden, wenn die hiesige Regierung endlich Gesetze umsetzen würde. Außerdem müssten die Firmen, die hier in Hazaribgh Leder einkaufen, auch darauf bestehen, dass Arbeiter krankenversichert sind und guten Lohn bekommen“, erklärt er. Die Arbeitsbedingungen in den Gerbereien in Hazaribgh sind erschreckend: Dort, wo Berge von Leder gegerbt werden, stehen die Menschen mit nackten Füßen in Chemikalien. Zum Haltbarmachen der Tierhaut wird Chrom verwendet. Und daraus kann sich Gift entwickeln, das in Jacken und Schuhen dann auch nach Deutschland kommt. Schon auf unseren Filmaufnahmen ist der Dunst gut zu erkennen, den die Gerbmittel in die Luft abgeben. Dass es schädlich sein muss, jeden Tag mit nackten Füßen in diese Chemie-Bäder zu steigen, meint man schon mit dem bloßen Auge zu erkennen.

Doch nicht nur die Menschen leiden Qualen, damit wir unsere Schuhe bekommen, sondern auch die Tiere, die zu Taschen, Gürteln und Schuhen verarbeitet werden. Unsere Recherche in den Tier-Ställen von Bangladesch bringt Fürchterliches zutage: Die Leder gebenden Rinder erleiden fürchterliche Qualen: „Ich habe bei lebenden Kühen blanke Knochen herausstehen sehen; viele Rinder haben gebrochene Schwänze. Wenn Käufer von Leder nur ein Mal hier durchliefen, würden sie wohl keine Lederschuhe mehr tragen“, sagt Jason Baker von der Tierschutzorganisation PETA.

Um herauszufinden, ob dieses Leder aus Fernost womöglich Giftstoffe enthält, müssten die verarbeitenden Firmen aufwändige Tests machen. Vorschrift sind solche Tests in Deutschland aber nicht. Auch wir haben eine Auswahl an billigen und teuren Damen- und Herren-Schuhen ins Labor gegeben. Denn wir wollten wissen: Ist von dem Gift in den Gerbbecken tatsächlich etwas in unseren Schuhen gelandet, das Allergien und Hautausschläge provozieren kann? Das Ergebnis überrascht uns: In keinem der getesteten Schuhe wurde Chrom 6 gefunden. Rein statistisch wäre es wahrscheinlich gewesen, dass in einem oder zwei Paaren unserer Schuhe etwas nachzuweisen ist.

Nichtsdestotrotz: Das Leder für unsere Schuhe belastet die Umwelt und beutet die Menschen aus. Wenn wir hier in Deutschland verhindern möchten, dass schon Kinder in den Gerbereien von Bangladesch schuften, statt in die Schule zu gehen, müssen wir in Geschäften immer wieder fragen, wo das Leder für einen Schuh herkommt. Und wir dürfen nur kaufen, was nachweislich fair produziert wurde. Denn dann kann vielleicht auch Shimus Traum vom Medizinstudium noch wahr werden, und ihre Freunde müssten nicht mehr barfuß laufen, während sie für uns Schuhe herstellen.