Hochsensibilität: Wenn die Seele keinen Filter hat – ein Erfahrungsbericht

Christina Rings
Christina Rings: Hochsensibilität ist eine Stärke © Joe Melzer

Von Christina Rings

Winnie Puuh neben mir lacht laut und rudert mit den Tatzen. Bier schwappt auf den orangefarbenen Pelz - und ich will nur noch weg. Zu meinem Entsetzen steigen mir Tränen in die Augen. Ich bin überfordert von dem Lärm, dem Gerempel und der Energie um mich herum. Es ist Rosenmontag in Köln. D'r Zoch poltert durch die Severinstraße, Jecke schmettern 'Viva Colonia', schleudern Kamelle und Strüssjer in das bunte Menschenknäuel, das jetzt ein einziges Schubsen und Drängen ist. Nein, ich leide nicht an Klaustro- oder Sozialphobie. Der Grund, aus dem ich an diesem eiskalten Februartag zügig den Heimweg antrete, ist ein anderer.

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Mir mangelt es an etwas, das man einen 'Wahrnehmungs-Filter' nennen könnte. Eine Art Selbstschutz, der den Eindrücken die Schärfe nimmt, der aussortiert, ausblendet. Mich trifft die Reizflut mit voller Wucht. Oft ist es, als würden mich die Informationen regelrecht überschwappen und durchdringen - ohne, dass ich dem etwas entgegenzusetzen habe.

Lange Zeit dachte ich deshalb, dass mit mir etwas nicht stimmt. Dass ich einfach schwächer bin als andere, weniger belastbar. Ein weinerliches Nervenbündel. Warum sonst sitze ich ergriffen und mit brennenden Augen im Konzertsaal, während der Typ neben mir scheinbar gelangweilt auf sein iPhone starrt. Warum dröhnt mir nach einem Brunch mit neuen Bekannten dermaßen der Kopf, bin ich so ausgelaugt, als hätte mir der Smalltalk alle Energie abgezapft? Und warum, verdammt nochmal, nehme ich mir das alles bloß so zu Herzen? "Stell dich nicht so an" oder "Jetzt reiß dich aber mal zusammen" wurde oft gesagt und ich fühlte mich noch isolierter, als es ohnehin schon der Fall war. Anders und unverstanden. In einer stark leistungsorientierten Kultur wie Deutschland wird Sensibilität leider oft argwöhnisch belächelt und als Labilität fehlinterpretiert.

Heute weiß ich es besser. Hochsensibilität nennen Experten das, was ich jahrelang als persönliche Schwäche abgetan habe. Der Begriff ist noch relativ jung und wurde erst Ende der 90er von der US-Psychologin Elaine N. Aron geprägt. Die sogenannte High-Sensitivity-Forschung steckt noch in den Kinderschuhen.

Hochsensible müssen das Filtern selbst in die Hand nehmen

Eine anerkannte Diagnose ist Hochsensibilität nicht - eine (psychische) Krankheit ebenso wenig. Es gibt aber viele empirische Studien, die zeigen, dass hochsensible Menschen mehr und intensiver wahrnehmen - wahrscheinlich, weil Reize im Großhirn anders verarbeitet werden als bei durchschnittlich sensiblen Menschen. Außerdem legen Untersuchungen den Verdacht nahe, dass die Anlage zum Teil genetisch bedingt ist, sprich vererbt werden kann. Zahlen dazu, wie viele Menschen hochsensibel sind, schwanken und sind umstritten. Aron bezifferte sie auf 15 bis 20 Prozent - wobei es große Unterschiede in der Ausprägung gibt.

Bei einigen beschränkt sich die hohe Empfindsamkeit zum Beispiel auf sensorische Reize. Geräusche, Schmerz, Gerüche, Farben, Licht und Musik wirken auf sie besonders stark. Andere sind emotional sensibel, also extrem empathisch und altruistisch. Sie denken mehr nach, verlieren sich gerne in komplexen Fantasien und haben ein feines Radar für Zwischentöne, Spannungen und Stimmungsschwankungen ihres Gegenübers. Erlebtes klingt bei ihnen emotional noch lange nach. Manche wiederum haben das Komplettpaket gebucht, sind von allem etwas - oder etwas mehr. Das ist anstrengend, oft eine Zumutung. Der Akku ist schnell leer, der Kopf dröhnt von dem ständigen Info-Müll.

Hochsensible sind häufig überfordert, weil sie nicht gut mit ihrer Anlage umgehen - falls sie denn überhaupt wissen, dass sie diese Anlage haben. Ähnlich ist es mir auch ergangen. Ich habe meine Reaktionen nicht verstanden und mich zurückgezogen, war introvertiert und unsicher. Fühlte mich wütend und matt. Bis ich schließlich gelernt habe, mit der Hochsensibilität zu leben - und vor allem: aus der vermeintlichen Schwäche eine Stärke zu machen. Hochsensibilität ist nämlich, wenn man klug damit umgeht, eine wertvolle Begabung.

Es gibt zum Beispiel bestimmte Bereiche, die geradezu prädestiniert sind für hochsensible Menschen. Künstler, Schriftsteller und Musiker etwa verfügen oft über ein besonders fein ausgeprägtes Empfinden. Viele Psychologen sind überdurchschnittlich gefühlvoll und auch in anderen sozialen Berufen und Ehrenämtern können Hochsensible mit ihrem Einfühlungsvermögen zu ungeahnter Hochform auflaufen. Das klappt aber nur, wenn es "Betroffenen" gelingt, das Filtern selbst in die Hand zu nehmen. Im übertragenen Sinne also: Die nackte Seele anzuziehen.

Wie das praktisch aussieht? Da muss jeder selbst einen Weg für sich finden. Ich für meinen Teil lese keine Artikel mehr, "die zu Tränen rühren", ich meide den Samstagnachmittags-Shopping-Wahnsinn, ich gönne mir viele Pausen, Auszeiten von den omnipräsenten Reizen. So auch am Rosenmontag. Die lärmende Straße klingt mir noch in den Ohren, als ich daheim in die Ruhe meiner Wohnung komme. Ich koche Tee, kuschele mich in eine Decke und lese ein gutes Buch. Langsam entspannen sich meine überreizten Nerven - und alles ist gut.