IS-Terror in Syrien und dem Irak: Welches Spiel treibt die Türkei?

Von Christina Rings

Die türkische Regierung verhält sich im Kampf gegen den Terror verdächtig zurückhaltend. Bislang hat es der Nato-Partner verpasst, deutlich Abstand vom IS und solchen, die mit der Terrororganisation sympathisieren, zu nehmen - und das offenbar aus politischem Kalkül. Welches perfide Spiel treibt Ankara?

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Türkische Panzer stehen tatenlos an der Grenze zu Syrien, während Kobane kurz vor dem Fall steht. © REUTERS, UMIT BEKTAS

"Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan will zur großen Regionalmacht werden - und Syriens Präsident Baschar al-Assad ist ihm dabei im Weg. Also hat er lange die Kräfte unterstützt, die ebenfalls gegen Assad sind. Dazu gehören unter anderem die Kämpfer des Islamischen Staates", schätzt Terrorismusexperte Michael Ortmann das Gebaren des türkischen Staatsoberhaupts im Interview mit RTLAktuell.de ein. "Deshalb konnten die ausländischen Dschihadisten problemlos nach Syrien einreisen, deshalb werden Kämpfer in einigen Krankenhäusern der Türkei medizinisch behandelt und deshalb stehen an der Grenze jetzt Panzer."

Und deshalb eskalierten jüngst wohl auch Anti-IS-Proteste im Osten des Landes. Dort wurden kurdische Demonstranten massiv angegriffen, mindestens 14 von ihnen getötet. Erschossen von türkischen Polizisten – und offenbar auch von bewaffneten radikalen Islamisten. Deshalb können IS-Sympathisanten scheinbar unbehelligt agieren, wie ein Youtube-Video zeigt. Darin ist zu sehen, wie mehrere hundert Islamisten in einem öffentlichen Park Hass gegen den Westen predigen. Deshalb – weil Erdogan seine politischen Machtspielchen wichtiger sind, als die Gefahr, die durch die Milizen ausgeht.

Ähnlich sieht es auch RTL-Reporter Dirk Emmerich, der für uns aus Istanbul berichtet. "Die Türkei geht nicht auf Distanz, weil sie die IS-Milizen als Teil der Bewegung gegen Assad sieht. Und die Türkei ist an einem Sturz Assads interessiert." Es gebe "eine Reihe von Hinweisen, dass der IS mit türkischen Waffen kämpft, und, dass der IS - vor allem in der Südtürkei - Kämpfer rekrutiere. Ende September ist in Ankara sogar ein Konsulat des IS eröffnet worden - offenbar als Bestandteil eines Deals zur Freilassung der türkischen Konsulatsgeiseln", so Emmerich. Ein Unding in Zeiten, in denen IS-Kämpfer im Namen des Islam Frauen und Kinder vergewaltigen und töten, in denen sie ausländische Geiseln vor laufenden Kameras die Kehle durchschneiden.

"Die Türkei ist an einem Sturz Assads interessiert"

Das türkische Parlament hat der Regierung erst kürzlich das Mandat erteilt, militärisch gegen Terrorgruppen in Syrien und im Irak vorzugehen. Nun stehen Panzer an der Grenze zu Syrien, die heftig umkämpfte Stadt Kobane in Sichtweite. Rauch steigt auf. Die letzte Bastion der Kurden droht in die Hände der Terroristen zu fallen – und Ankaras Armee schaut tatenlos zu. "Erdogan will die Panzer nur in Gefechte eingreifen lassen, wenn die internationale Gemeinschaft zusagt, dass Assad am Ende gehen muss. Dann wäre er seinem Ziel ein großes Stück näher", so Ortmann.

Ein militärisches Eingreifen der Türkei wäre aber mit Vorsicht zu genießen, denn die Autorisierung einer Intervention richtet sich nicht ausdrücklich nur gegen den IS, sondern auch gegen kurdische Gruppen wie die PKK, die von der Türkei als terroristisch eingestuft werden. Dabei sind es die Kurden, die den Islamisten in Kobane erbitterten Widerstand leisten. Weil sie aber seit langem einen eigenen Staat - auch auf türkischem Gebiet - fordern, passe es Erdogan gar nicht, "dass die Kurden nun von der internationalen Gemeinschaft mit Waffen versorgt werden. Waffen, die die PKK einsetzen könnte, um ihren Forderungen nach einem eigenen Staat Nachdruck zu verleihen", so Ortmann.

"Zuletzt hat die Türkei, wie jedes andere Land auch Angst vor Anschlägen", erklärt der Terrorismus-Experte weiter. "Doch die Vermutung, dass wenn die Regierung in Ankara nichts unternimmt, der IS auch nichts gegen die Türkei unternehmen wird, ist aus meiner Sicht eine fatale Fehleinschätzung." Der Islamische Staat stelle auch für die Türkei eine große Gefahr dar. Als Nato-Partner ist es allerhöchste Zeit, dass Erdogan seine Machtspiele beendet, sich endlich deutlich vom Terror distanziert und dem Treiben der Islamisten im eigenen Land einen Riegel vorschiebt.



Christina Rings hat den Journalismus von der Pike auf gelernt: als Praktikantin, Freiberuflerin, Volontärin und schließlich Redakteurin. Verbraucherschutz, Politik und Gesellschaftsthemen sind ihre bevorzugten Ressorts. An der Uni Oldenburg hat sie BWL mit juristischem Schwerpunkt studiert - ist heute aber heilfroh, die potentielle Karriere als Personalmanagerin an den Nagel gehängt und stattdessen den Sprung in die digitale Redaktion von RTL geschafft zu haben. Hauptsache: Schreiben, texten, kreativ sein. Wenn sie nicht gerade mit ihrer kleinen Tochter über die Spielplätze Kölns zieht, traktiert sie das Manuskript zu ihrem ersten Roman und ist doch nie ganz zufrieden. Ob er je fertig wird? Wir sind gespannt…