Kabul: Dutzende Tote und rund 460 Verletzte nach Anschlag nahe deutscher Botschaft

Mindestens 80 Tote bei Selbstmordanschlag in Kabul
Mindestens 80 Tote bei Selbstmordanschlag in Kabul Bombenexplosion nahe der deutschen Botschaft 00:01:55
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Explosion im dichten Morgenverkehr - Kinder unter den Opfern

Bei einem verheerenden Bombenanschlag in unmittelbarer Nähe der deutschen Botschaft in der afghanischen Hauptstadt Kabul sind mindestens 90 Menschen getötet worden. Rund 460 Menschen wurden verletzt, teilte das Informationszentrum der Regierung in Kabul mit. Nach Angaben einer Sprecherin des Auswärtigen Amtes in Berlin wurde eine deutsche Diplomatin leicht und eine afghanische Mitarbeiterin der Botschaft schwer verletzt. Ein afghanischer Wächter wurde getötet. Das Hauptgebäude der Botschaft im schwer gesicherten Diplomaten- und Regierungsviertel wurde massiv beschädigt.

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Taliban bestreiten Beteiligung

Wie Fotos zeigen, sprengte die Explosion unter anderem Dutzende Fensterscheiben heraus. Zunächst bekannte sich keine Gruppe zu dem Autobombenanschlag. Die radikalislamischen Taliban ließen aber verlauten, sie seien es nicht gewesen. Ähnliche Anschläge hatte zuletzt die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) für sich reklamiert.
Der Sprecher des Innenministeriums, Nadschib Danisch, sagte, der oder die Attentäter könnten einen schwarzen Tanklastwagen für Wasser mit Sprengstoff befüllt haben. "Aber weil die Explosion so schwer war, können wir das noch nicht mit Sicherheit sagen. Vom Tanker ist kaum noch etwas übrig." Die Wucht der morgendlichen Explosion habe mindestens 50 Fahrzeuge zerstört. 

Achter schwerer Anschlag seit Jahresbeginn

Es ist der achte schwere Anschlag in Kabul seit Jahresbeginn. Dabei wurden Hunderte Menschen getötet oder verletzt. Auch die französische Botschaft wurde beschädigt. "Wir sind dabei, die Nationalität der Opfer und das Ausmaß der materiellen Schäden zu überprüfen", erklärte der Sprecher des Außenministerium in Paris. In dem massiv beschädigten Hauptgebäude der deutschen Botschaft, das hinter einer Mauer zur Straße liegt, haben auch der Botschafter und sein Stellvertreter ihre Büros. Mit den Sicherheitsvorkehrungen vertraute Quellen sagen, es sei geplant gewesen, den Schutz zu verstärken und Büros weiter in andere Gebäude im Inneren des Geländes zu verlegen. Man habe sich in diesem Haus an einer belebten Straßenecke exponiert gefühlt.

Bilder zeigten ausgebrannte Autowracks und eine stark beschädigte Außenmauer der Botschaft. Im Winter war bei einem ähnlichen Angriff das deutsche Generalkonsulat in Masar-i-Scharif in Nordafghanistan schwer beschädigt worden. Die Konsulatsmitarbeiter arbeiten nun aus dem deutschen Militärlager heraus. 

Genaues Ziel des Anschlags unbekannt

Nach Angaben des Innenministeriums detonierte die Bombe an einer viel befahrenen Straße zwischen der deutschen Botschaft und einem Sicherheitsposten am Sanbak-Platz. Die Straße ist eng und wird an beiden Seiten von hohen Sprengschutzmauern begrenzt. Was genau das Ziel war, ist noch unklar. Aus einer Stellungnahme der Nato-Mission Resolute Support scheint hervorzugehen, dass afghanische Sicherheitskräfte verhindert haben, dass das Fahrzeug in eine gesicherte Zone Richtung Nato-Hauptquartier und Präsidentenpalast eindringen konnte.

In den Vierteln liegen aber auch viele andere Botschaften und afghanische Ministerien. Tausende Mitarbeiter dieser Ministerien, von Botschaften und anderen Büros waren zur Zeit der Explosion gegen 8.30 Uhr (Ortszeit) auf dem Weg zur Arbeit.

Ein Hauptquartier von Afghanistans größter Telekommunikationsfirma Roshan liegt ebenfalls sehr nahe dem Anschlagsort. Der Sender Tolo TV meldete, viele der Opfer seien Roshan-Mitarbeiter. Die Nato-Mission Resolute Support ließ verlauten, man sei dabei zu überprüfen, wie es allen Nato-Mitarbeitern gehe. Afghanische Medien berichteten, es seien nun ausländische Soldaten am Ort der Explosion.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich entsetzt über die Terrorattacke gezeigt. "Meine Gedanken und meine Anteilnahme gelten den Opfern dieses Anschlags und ihren Familien", sagte Merkel. "In Momenten wie diesen wird uns einmal mehr klar: Der Terrorismus kennt keine Grenzen. Er zielt auf uns alle - ob in Manchester oder Berlin, Paris, Istanbul, Sankt Petersburg oder heute Kabul. Wir sind heute über alle Grenzen hinweg in Entsetzen und in Trauer vereint."

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat den Bombenanschlag als abscheulich verurteilt. "Bei unseren Bemühungen gegen den Terror werden wir auch in Zukunft zusammenstehen", schrieb Steinmeier an den afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani. "Es ist meine Hoffnung, dass es uns gemeinsam gelingt, auf dem Weg zu Frieden und Sicherheit für alle Menschen in Afghanistan weiter voranzuschreiten."

Ein ursprünglich geplanter Flug zur Abschiebung abgelehnter Asylbewerber nach Afghanistan wurde verschoben.