Legaler Straßenstrich in Köln: Prostitution unter Polizeischutz

Legaler Straßenstrich in Köln: Prostitution unter Polizeischutz
In diesen Verrichtungsboxen kann man von Blicken geschützt Sex im Auto haben.

Von Cengiz Ünal

Sie arbeiten unter ihren Künstlernamen Nelly, Katy oder Jenny und haben Lebensgeschichten, mit denen man Romane füllen könnte. Manche wurden von ihren Vätern missbraucht, andere von ihren Männern an Freunde verkauft. Die Jüngsten sind gerade mal Anfang 20, es sind aber auch einige im Großmutter-Alter dabei. Nur eines haben die Frauen von der Geestemünder Straße in Köln-Niehl gemeinsam: ihre Arbeit als Prostituierte.

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Geestemünder Straße ist kein schöner Ort, um zu arbeiten. Mitten in einem Industriegebiet hat die Stadt Köln einen Straßenstrich in Größe eines Fußballplatzes eingerichtet, auf dem sich Frauen legal prostituieren können. Was sich zunächst seltsam anhört, ist ein erfolgreiches Projekt der Stadt: Es bietet Frauen die Möglichkeit, der Prostitution nachzugehen ohne sich dabei zu gefährden.

Ich treffe mich mit Ralf Wirtz von der Kölner Polizei vor dem Gelände des 'betreuten Straßenstrichs'. Es ist 16 Uhr an einem Nachmittag mitten in der Woche: Nicht nur in der Innenstadt drängen sich jetzt Autos Zentimeter um Zentimeter voran, auch an der Geestemünder Straße bahnt sich der Feierabendverkehr an. Teure Autos mit Kennzeichen aus Köln und Umgebung fahren an uns vorbei: Aus Bonn, aus Düsseldorf, und sogar aus dem 100 Kilometer entfernten Dortmund. Darin sitzen zum Teil Männer mittleren Alters mit Jackett und Krawatte, manche von ihnen wahrscheinlich Familienväter. Sie sind alle da, um sich von den Frauen auf dem Gelände für kleines Geld befriedigen zu lassen.

Die Männer kommen dabei aus den unterschiedlichsten Gründen: Manche wollen eine kurze Flucht aus dem Alltag, andere sind mit dem Sexleben in der Partnerschaft nicht zufrieden. Für gerade einmal 20 Euro bekommt man hier einen Blowjob, erklärt Wirtz. Die Preise seien dabei höher als anderswo – im Problembezirk Kölnberg zum Beispiel würden Frauen für fünf bis zehn Euro schon "alles machen".

Wir fahren in einem zivilen Dienstwagen auf das Gelände. Am Eingang ist deutlich ausgeschildert, dass zwischen 12 und 2 Uhr morgens nur volljährigen Kunden der Zugang erlaubt ist. Video- und Tonaufnahmen sind auf dem Gelände strengstens verboten. Hinter dem großen verzinkten Tor am Eingang befindet sich ein Rondell, das mit grünen Sichtschutzwänden umgeben ist. Trotz der kühlen Luft und des anhaltenden Regens warten etwa 20 Frauen halbnackt auf Klappstühlen und in notdürftigen Bushaltestellen auf ihre Kundschaft. Bei gutem Wetter stehen hier bis zu 50 Frauen gleichzeitig. Einige der Frauen wissen, dass Ralf Wirtz mich als Journalisten mit im Auto sitzen hat. Viele halten darum Schirme vor ihr Gesicht und drehen sich weg, als wir an ihnen vorbeifahren. Sie möchten unerkannt bleiben.

Wirtz, selbst dreifacher Familienvater, erklärt mir das System: Die Freier fahren in Schrittgeschwindigkeit hinein, suchen sich in der 'Anbahnungszone' eine Frau aus, handeln den Preis aus. Dann fährt man in eine Art Scheune mit acht Verrichtungsboxen, in denen man vor Blicken geschützt Sex im Auto hat. Dabei sind die Boxen so eingerichtet, dass der Fahrer so nah an der linken Wand parken muss, dass seine Tür nicht aufgeht. Dies soll der Sicherheit der Frauen dienen. Im Notfall haben diese zudem die Möglichkeit, aus dem Auto auszusteigen, einen Alarm auszulösen und sich in einem geschützten Bereich hinter den Boxen einzuschließen. Dies sei aber eine Ausnahme, die "vielleicht ein- oder zweimal im Jahr vorkommt", sagt Ursula Feld vom Ordnungsamt der Stadt Köln. Für Freier, die zu Fuß oder mit dem Motorrad kommen, gibt es zusätzlich zwei Stehboxen, nicht viel größer als eine Umkleidekabine.

"Leben ohne Prostitution ist keine Wirklichkeit"

Legaler Straßenstrich in Köln: Prostitution unter Polizeischutz
Nur volljährigen Männern ist die Zufahrt auf das Gelände erlaubt. Es herrscht absolutes Aufnahmeverbot. (Foto: Stadt Köln)

Das Projekt wurde im Rahmen des reformierten Prostitutionsgesetzes von 2002 möglich: Damals hat die rot-grüne Koalition das Gesetz in Kraft treten lassen, um die rechtliche und soziale Situation von Sexarbeitern zu verbessern. Schon seit fast 13 Jahren gibt es den Straßenstrich an der Geestemünder Straße. Neben der polizeilichen Arbeit, Straftaten zu verhindern und rechtliche Fragen mit den Prostituierten zu klären, spielt die Sozialarbeit eine sehr wichtige Rolle für den Erfolg des Projektes. Mitarbeiterinnen des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF) und des Gesundheitsamtes bieten in einem Container einerseits Beratungsgespräche an, andererseits sind sie für die Grundversorgung der Frauen zuständig: Dort können die Prostituierten eine warme Mahlzeit am Tag und bis zu fünf Kondome kostenlos bekommen. Auch viele persönliche Dinge werden hier besprochen: So können die Frauen ihre Erfahrungen und Gefühle in einem Buch aufschreiben.

"Man muss unterscheiden zwischen verschiedenen Gruppen von Frauen, die der Prostitution nachgehen", sagt Monika Kleine, die seit 20 Jahren SkF-Geschäftsführerin ist. Die Prostituierten von der Geestemünder Straße seien keine Frauen, die aus eigener Überzeugung heraus dort arbeiten. "Das sind zum größten Teil Menschen, die drogenabhängig sind und Erkrankungen haben. Sie haben Druck, ihre Süchte finanzieren zu müssen." Wegen ihrer Notlage seien die Prostituierten sogar von der Steuerpflicht befreit. "Es ist leider nicht möglich, auf einen Willensknopf zu drücken, um die Sucht der Frauen abzustellen." Häufig würden sie auch Geld für ihre Partner anschaffen. Teilweise bringen Männer ihre Freundinnen und Frauen sogar 'zur Arbeit' und warten auf einem Parkplatz in der Nähe.

So geschützt die Frauen auch sein mögen, kommt es mir dennoch unwürdig vor, dass sich Männer Frauen wie ein Stück Pizza kaufen können. Monika Kleine sieht es nicht so: Man müsse sich vor Augen führen, wie das Ganze vor dem Projekt ausgesehen habe. "Früher war das eine sehr unwürdige Situation – wenn die Frauen in einer dunklen Straße stehen mussten, abhängig davon waren, dass der Freier hoffentlich nicht gewalttätig war, letztlich keine Hilfe erwarten konnten. Das war eine furchtbare Zeit."

In den 90er-Jahren noch befand sich der Straßenstrich im Herzen von Köln, direkt hinter dem Hauptbahnhof. Auch wenn das Gebiet Sperrbezirk war, fand Prostitution trotzdem statt. Das führte dazu, dass die Polizei den Prostituierten Bußgelder erteilte. Diese mussten dadurch noch mehr anschaffen, um bezahlen zu können. Ein Teufelskreis.

Gewaltübergriffe waren Normalität, bis zu vier Prostituierte wurden damals von ihren Freiern umgebracht. Darum hat die Stadt Köln gemeinsam mit der Polizei und dem Sozialdienst katholischer Frauen überlegt, wie eine langfristige Lösung aussehen könnte. Konsens war: Es muss präventiv und nicht repressiv gehandelt werden.

"Als wir damals umzogen, haben wir die Rahmenbedingungen mit den Frauen gemeinsam erarbeitet. Sie wünschten sich vor allem Schutz, Licht, eine Möglichkeit zur Toilette zu gehen, zu duschen, also ein Mindestmaß an Fürsorge", erzählt Kleine. Diese Grundbedürfnisse seien heute gewährleistet. "Früher mussten sich die Frauen verstecken, durften nicht als Prostituierte erkannt werden. Heute stehen sie selbstbewusst da und bilden zusammen eine Gemeinschaft." Dabei werde jede Kleinigkeit genutzt, wenn sie den Ausstieg wollen. "Man kann in das halbvolle oder in das halbleere Glas gucken. Das, was die Frauen heute da haben, ist weitaus mehr als das, was sie davor hatten", meint Kleine.

Von einem Prostitutionsverbot, wie es manche konservative Politiker und Frauenrechtlerinnen fordern, hält sie nicht viel: "Man kann sich ein Leben ohne Prostitution wünschen, aber es ist keine Wirklichkeit. Fakt ist, dass Prostitution das älteste Gewerbe der Welt ist. Eine Bestrafung der Freier würde dazu führen, dass Prostitution im Dunkelfeld passiert." Dann hätten die Frauen keinen Schutz mehr und seien extremen Risiken ausgesetzt. "Unsere Doppelmoral darf nicht auch noch Gesetz werden."