Selbsternte-Felder boomen: Ein Stück Gemüseacker macht Stadtbewohner zu Bauern

Kaninchen-Plage und Gefahr von oben
'Meine Ernte'-Geschäftsführerin Ganders lässt Kinder bei der Saisoneröffnung ein Rotes Band durchschneiden. © Sebastian Werner / RTL interactive

Von Sebastian Werner

Pferd im Rinderfleisch, Dioxin im Ei und EHEC-Darmkeime im Gemüse: Ein Lebensmittelskandal folgt dem nächsten und bringt Verbraucher dazu, immer mehr Geld für Bio-Lebensmittel auszugeben – doch auch da gibt es keine hundertprozentige Sicherheit. Wer wirklich wissen will, wo sein Essen herkommt, der muss es selbst erzeugen. Aber kaum jemand hat Platz für ein ergiebiges Gemüsebeet, vor allem Stadtbewohner nicht. Hier schaffen mittlerweile immer mehr Anbieter von sogenannten Selbsternte-Feldern Abhilfe. Jedermann kann dort seinen eigenen Anteil an einem Gemüseacker pachten – muss sich aber auch selbst um die zarten Pflänzlein kümmern. Das ist eine große Herausforderung, wie mir schon am Tag der Saisoneröffnung am Kölner Stadtrand schnell klar wird.

Der erste Blick auf meinen eigenen 'Streifen' Acker, der immerhin 45 Quadratmeter groß ist, wirft tausende Fragen auf. Ist in den unzähligen Erdbahnen vor mir schon etwas gepflanzt? Muss ich es schon gießen? Ist das Grüne da hinten schon der Beginn eines Radieschens oder Unkraut? Ist es gut, dass meine vierjährige Tochter Leonie gerade auf dem Feld herumspringt? Und bis wo geht eigentlich mein Beet und wo fängt das nächste an? Mein Feld-Nachbar stellt sich dieselbe Frage und gemeinsam erkennen wir, dass wir zwischen den Parzellen zunächst einen Trampelpfad bilden müssen, orientiert an einer noch zu spannenden Schnur.

"Wir haben da schon wirklich abenteuerlich schiefe und krumme Trampelwege gesehen, deswegen machen wir das nur noch mit dieser blauen Schnur", erklärt Wanda Ganders, Geschäftsführerin des Anbieters 'Mein Ernte' und heute selbst vor Ort, um mir und Hunderten anderen bei den ersten Schritten zu helfen. Das Unternehmen bietet bundesweit an 22 Standorten Gemüsegärten an, die Nachfrage ist groß – kein Wunder: Laut dem Allensbach-Institut für Demoskopie würden mehr als 36 Millionen Deutsche am liebsten autark leben.

"Der Wunsch nach Selbstversorgung oder einfach die Lust an einer Tätigkeit unter freiem Himmel sind weitere Faktoren", so Ganders. Kein Wunder, dass auch andere Anbieter wie 'Gartenglück' oder 'Ackerhelden' dasselbe Prinzip verfolgen: Man zahlt am Anfang der Saison einen Festbetrag und darf dafür bis in den Herbst das vom Bauern vorbestellte Gemüsebeet beackern und den kompletten Ertrag ernten. Das will ich auch ausprobieren.

Kaninchen-Plage und Gefahr von oben

Selbsternte macht Städter zu Bauern
HIER darf man hintreten: Bei der Mondlandschaft gar nicht leicht, einen Weg von bepflanzter Ackerfläche zu unterscheiden. © Sebastian Werner / RTL interactive

Den Trampelpfad bekommen ich und der Besitzer der Parzelle nebenan schließlich akkurat hin, auch dank des Vorbilds auf der anderen Nachbarseite: Die Besitzer - ein älteres Ehepaar - sind schon Profis und nicht zum ersten Mal dabei. Ihr Anteil am Feld ist längst markiert. Ich knüpfe schnell Kontakt und tausche Daten aus - wenn ich im Laufe der Saison Hilfe brauche, wende ich mich an sie. Doch auch das 'Meine Ernte'-Team lässt uns nicht allein. Der für das Feld zuständige Bauer Hermann-Josef Niehl verspricht, jeden Donnerstagabend in der 'Gärtnersprechstunde' Fragen zu beantworten. Ist in meinem Terminkalender ab sofort als wöchentlicher Termin geblockt.

Bevor alle auf ihr Gemüse losgelassen werden, teilt das Team den Neu-Bauern mit, welche Gemüsesorten gepflanzt wurden. Die Auswahl ist 'querbeet': Von Klassikern wie Kartoffeln, Zwiebeln und Salat hin zu Wildkräutern, Mangold und Zuckermais. "Die Pflanzen sind schon alle gesät", erklärt Ganders den neugierigen Gärtnern, die fast alle mit der ganzen Familie angerückt sind. "Nur die frostempfindlichen Kulturen wie Zucchini, Gurke und Kürbis, die kommen erst nach den Eisheiligen." Neben dem vorgepflanzten Bereich gibt es noch eine kleine Restfläche, in der ich selbst anbauen darf was ich möchte. Für heute verzichte ich noch darauf, die vorhandenen Pflanzen dürften genug Arbeit machen.

Nachdem die Gartensaison mit dem symbolischen Durchschneiden eines Roten Bandes eröffnet ist, arbeite ich mit Leonie daran, ein dünnes Abdeckvlies über die Jungpflanzen zu legen, die schon aus der Erde schauen. Es soll vor Frost schützen – aber auch vor ungebetenen Gästen. Im vergangenen Jahr gab es eine Kaninchenplage, erzählt mir eine Gärtnerin. Ich erinnere mich plötzlich an den Infoabend Ende Februar, als Bauer Niehl schon von den Tieren erzählt hatte. Ein großes Raunen und die eine oder andere entsetzte Rückfrage ging damals durch die Menge, als der Rheinländer berichtete, wie viele der Tiere er im Winter schon "geschossen" hätte. Heute verzichtet Niehl vor den versammelten Neugärtnern lieber auf diese Schilderung.

Wir sind inzwischen fertig mit trampeln, markieren und abdecken. Ich bin noch etwas skeptisch, ob die 45 Quadratmeter wirklich wie versprochen unseren Gemüsebedarf decken können – momentan schwer vorstellbar angesichts der braunen Mondlandschaft vor mir. "Wenn es noch ein, zwei Mal regnet, dann geht das hier ganz schnell, dann kommt alles aus der Erde und in ein paar Wochen werden Sie das Feld hier nicht wiedererkennen", verspricht Ganders. Leonie freut sich schon – dann weiß sie wenigstens, wo sie hintreten darf und wo nicht. Heute sind hier auffallend viele genervte Kinder unterwegs, weil sie von ihren Eltern ständig harsch zurecht gewiesen werden. Zu groß ist die Angst, schon ganz am Anfang etwas kaputt zu machen.

Ich hoffe erst mal, dass die Kaninchen nichts kaputt machen – doch dieses Jahr kommen die Fressfeinde meiner Pflanzen auch von oben: "Wir haben vor wenigen Tagen einen Fasan gesehen", erzählt Ganders. "Der kann natürlich fliegen, das können wir nicht beeinflussen." Aber sie verspricht, noch mal Gemüse nachzupflanzen, wenn einzelne Gärten besonders betroffen sind.

Bleibt die Frage, was wir auf der kleinen Fläche unseres 'Wunschbeetes' aussähen sollen. Ich tendiere derzeit zu Rollrasen. Am Donnerstag bespreche ich das mal mit Herrn Niehl.



Sebastian Werner ist gebürtiger Hamburger und studierte Angewandte Medienwirtschaft an der 'medienakademie', wobei er sich besonders für den journalistischen Teil begeistern konnte. Das brachte ihn zu RTL interactive, wo er heute Chef vom Dienst der Nachrichtenredaktion ist. Er schätzt vor allem Themen, die die Menschen bewegen – oder bewegen sollten. Diese findet er im „echten“ Leben mit seiner Familie in Köln – und im „digitalen“ Leben in den verschiedenen Social Networks.