Sonderermittler: Im Fall Anis Amri "fast alles falsch gemacht, was man falsch machen kann"

Was im Fall von Anis Amri alles schief gelaufen ist
Was im Fall von Anis Amri alles schief gelaufen ist Behörden haben gravierende Fehler gemacht 00:01:47
00:00 | 00:01:47

Gleich mehrere Behörden machten gravierende Fehler

Im Nachhinein ist man immer schlauer. Aber Anis Amri – der Attentäter vom Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz – war für die Polizei schon vor dem Anschlag kein unbeschriebenes Blatt. Amri war den Behörden als Islamist, Drogenhändler und Ausweisfälscher bekannt. Trotzdem wurde er nicht aus dem Verkehr gezogen. Der Abschlussbericht des Sonderermittlers Bruno Jost offenbart, dass mehrere Polizeibehörden gravierende Fehler gemacht haben.

- Anzeige -

Polizei hatte "reelle Chancen" Anis Amri zu verhaften

Sowohl die Berliner Kriminalpolizei, als auch die Polizei in Nordrhein-Westfalen und in Baden-Württemberg seien nicht angemessen mit dem Gefährder umgegangen, erklärte Jost. Auch weil die unterschiedlichen Behörden nicht ordentlich zusammen arbeiteten, konnte Anis Amri seinen Anschlag in aller Ruhe vorbereiten. "Man kann einen Fall wie Amri nicht 08/15 behandeln. Das geht nicht", sagte der Sonderermittler. Der spätere Attentäter von Berlin sei im 'Gemeinsamen Terrorabwehrzentrum' so oft besprochen worden, wie kaum ein anderer Gefährder. Trotzdem passierte nichts. Die Informationen, die über Amri im Umlauf waren, wurden nicht gebündelt und niemand befand es für nötig, einzugreifen.

Wegen seiner kriminellen Umtriebe hätte die Polizei schon vor dem Anschlag mehrere "reelle Chancen" gehabt, den Tunesier zu verhaften und in Untersuchungshaft zu sperren. Doch die Drogenfahnder und Terrorexperten hätten sich nur mangelhaft ausgetauscht, sodass Amri durch die Maschen schlüpfen konnte. Auch die Berliner Kripo, die Amri im Sommer 2016 observierte, hätte viel länger aktiv sein müssen und die Überwachung des Terrorverdächtigen nicht schon nach sechs Wochen wieder abbrechen dürfen, erklärte Jost.

Anis Amri hätte sogar abgeschoben werden können

Das Landeskriminalamt Berlin hielt den Tunesier im Februar 2016 vorübergehend fest. Damals wurde auch sein Handy beschlagnahmt. Doch die Daten, die die Beamten damals auslasen, wurden nicht ausgewertet, obwohl man so möglicherweise noch weiteren Islamisten hätte auf die Spur kommen können.

Als Amri sich in Deutschland auf Asyl bewarb, hatte er angegeben, keine Papiere mehr zu besitzen. In einem abgehörten Telefongespräch im April 2016 erzählte er einem Freund aber, dass er einen tunesischen Reisepass besitze. Mit diesem Wissen hätte ihn die Ausländerbehörde einfach abschieben können. Doch niemand wurde aktiv.

Sonderermittler Jost: "Als ob man einen Eierdieb festgenommen hätte"

Im Juli 2016 wurde Amri erneut festgenommen, als er versuchte, in die Schweiz einzureisen. Die Bundespolizei in Friedrichshafen hätte, so Jost, "fast alles falsch gemacht, was man falsch machen kann". Der Verdächtige wurde nur oberflächlich verhört, sein Handy wurde nicht beschlagnahmt und auch andere Polizeibehörden, die Amri kannten, schalteten sich nicht ein. Mit einem islamistischen Gefährder hätten die Behörden ganz anders umgehen müssen. "Und dann kann man nicht so tun, als ob man da einen Eierdieb festgenommen hätte", kritisierte der Sonderermittler.

Am 19. Dezember 2016 tötete Amri zwölf Menschen, als er mit einem gestohlenen Lkw in einen Berliner Weihnachtsmarkt raste. Dutzende weitere wurden verletzt. Nach dem Anschlag flüchtete der Terrorist quer durch Europa und wurde schließlich von der italienischen Polizei erschossen.