Tim Cooks Outing ist mutig – und das ist traurig!

Apple-Chef Tim Cook: "Ich bin stolz darauf, schwul zu sein."
Tim Cook bei der letzten größeren Produktvorstellung - bei Apple ist seine Homosexualität kein Problem, aber wie geht die Gesellschaft damit um? © dpa

Ein Kommentar von Sebastian Werner

"There's one more thing" – Apple-Fans aus aller Welt warten auf den berühmten Satz in einer Präsentation der iPhone-Herstellers, wenn noch ein unerwartetes, oft revolutionäres Produkt vorgestellt wird. Das 'eine Ding', was Firmenboss Tim Cook jetzt in einem 'Bussinessweek'-Beitrag als Bombe platzen ließ, ist leider ähnlich revolutionär wie Mac, iPod und iPhone: "Ich bin stolz darauf, schwul zu sein." Eigentlich sollte das überhaupt keine Nachricht und dieser Kommentar überflüssig sein. Doch die Äußerung könnte Folgen haben – für Cook und für Apple. Und das macht traurig.

In Apple-Kreisen war seine Homosexualität schon länger bekannt, erklärt der 53-Jährige. Die Unternehmenskultur bei Apple sei besonders offen. Das Problem: Die Gesellschaftskultur ist es nicht.

Solange in der Hälfte der US-Bundesstaaten die gleichgeschlechtliche Ehe verboten ist, solange in dutzenden Ländern weltweit Homosexuelle verfolgt werden - zum Teil sogar wie in Saudi-Arabien mit der Todesstrafe: Solange muss ein Chef eines weltweit agierenden Unternehmens genau abwägen, wie sie ein Outing auf das Geschäft auswirkt. Es wäre naiv zu glauben, das spiele keine Rolle.

"Viele Arten von Diskriminierung erlebt"

Ex-BP-Chef John Browne
John Browne trat als BP-Chef zurück, nachdem er von einer Zeitung als homosexuell geoutet wurde. © picture-alliance/ dpa, UPPA David Wimsett

Cook selbst sagte erst im vergangenen Jahr auf einer Rede: "Ich habe viele Arten von Diskriminierung gesehen und erlebt. Alle Fälle basierten auf der Angst, dass manche Menschen anders sind, als die Mehrheit." Ob im außerhalb der Metropolen immer noch prüden Amerika oder in anderen Teilen der Welt – es ist einfach nach wie vor schwierig für Prominente, sich zu outen, und das darf nicht sein.

Nur wenige Sportler und Politiker haben den Schritt gewagt - und in der Wirtschaft sucht man sogar vergeblich nach Beispielen. Der damalige BP-Chef John Browne wurde 2007 von einer Zeitung unfreiwillig geoutet. Er trat nach 41 Jahren im Unternehmen zurück.

"Nicht alle haben so viel Glück", in einer so toleranten Umgebung zu arbeiten, erklärt Cook in seinem Coming-Out-Artikel. Könnte man sich noch "one more thing" für die Gesellschaft wünschen: Alle sollten dieses Glück haben, egal ob in Cupertino, in Moskau oder in Saudi-Arabien. Und wir könnten über Wichtigeres schreiben!



Sebastian Werner ist gebürtiger Hamburger und studierte Angewandte Medienwirtschaft an der 'medienakademie', wobei er sich besonders für den journalistischen Teil begeistern konnte. Das brachte ihn zu RTL interactive, wo er heute Chef vom Dienst der Nachrichtenredaktion ist. Er schätzt vor allem Themen, die die Menschen bewegen – oder bewegen sollten. Diese findet er im „echten“ Leben mit seiner Familie in Köln – und im „digitalen“ Leben in den verschiedenen Social Networks.