Warum behaupten so viele Afghanistan-Flüchtlinge, Taliban-Kämpfer gewesen zu sein?

ARCHIV - Begleitet von Taliban-Kämpfern gibt Sabiullah Mudschahid, ein Sprecher der Taliban, am 07.10.2008 ein Interview für einen TV-Sender in der afghanischen Provinz Helmand. Bei dem Taliban-Angriff im Nordosten Afghanistans sind mehrere Ausländer
Taliban-Kämpfer (Archivfoto) © dpa, epa Stringer

Ermittler rechnen mit zahlreichen Terrorprozessen

Während der Hochphase der Flüchtlingskrise sind möglicherweise mehrere Tausend Taliban-Kämpfer aus Afghanistan nach Deutschland gekommen. Das berichtet der 'Spiegel'. Demnach habe das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) die deutschen Sicherheitsbehörden darüber informiert.

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Behörden rätseln über Motive der Beschuldigten

HANDOUT - Das von der Eglin Air Force Base zur Verfügung gestellte Bild zeigt eine Bombe vom Typ GBU-43/B Massive Ordnance Air Blast - auch bekannt als die «Mutter aller Bomben». Sie ist nach Angaben des Pentagons in Afghanistan eingesetzt worden. Di
Die US-Bombe vom Typ GBU-43 hatte Mitte April mindestens 94 Kämpfer der Terrormiliz Islamischer Staat getötet, darunter vier Kommandeure. Sie ist auch bekannt als "Mutter aller Bomben" und gilt mit mehr als 8.000 Kilogramm Sprengstoff und elf Tonnen TNT-Äquivalent als größter konventioneller Sprengkörper der US-Streitkräfte. © dpa, Uncredited, vge

Dem Bericht zufolge ermittle der Generalbundesanwalt bereits in mehr als 70 Fällen. In den kommenden Tagen sollten in Berlin und Koblenz die ersten Verfahren gegen beschuldigte Afghanen beginnen. Sechs Männer säßen in Untersuchungshaft. Wie der 'Spiegel' berichtet besteht bei einer mittleren vierstelligen Zahl von Flüchtlingen der Verdacht, dass es sich
um frühere Mitglieder der Taliban handelt.

Während des Asylverfahrens hätten sich die Betroffenen selbst belastet. Allerdings sei unklar, ob ihre Angaben der Wahrheit entsprechen. Womöglich hofften manche auf bessere Bleibeperspektiven, wenn sie sich als ehemalige Taliban ausgeben.

Zusätzlich zu den laufenden Verfahren gegen angebliche Mitglieder der Terrormiliz IS rechneten die Ermittler jetzt mit zahlreichen Terrorprozessen gegen mutmaßlich Taliban-Kämpfer. Zuletzt hatte die Bundesanwaltschaft Alarm geschlagen und eine Überlastung durch immer mehr Verfahren gegen Islamisten beklagt.

Rund 55.000 Kriegsvertriebene in Afghanistan seit Jahresbeginn

Afghanische Soldaten stehen am 21.04.2017 in Masar-i-Scharif (Afghanistan) an einem Zugang zu einer Militärbasis. Radikalislamische Taliban haben einen Armeestützpunkt im Norden Afghanistans gestürmt und mindestens 50 Menschen getötet. (zu dpa «50 To
Bei dem jüngsten Angriff der Taliban auf eine Militärbasis in der afghanischen Nordprovinz Balch sind mindestens 140 Soldaten getötet und mehr als 160 verwundet worden. Das sagte der Vorsitzende des Provinzrates, Mohammed Ibrahim Chair Andesch. Die Taliban sprachen sogar von mehr als 500 Toten und Verwundeten. © dpa, Mirwais Najand, RG abl

In Afghanistan sind seit Jahresbeginn fast 55.000 Menschen vor Gefechten zwischen radikalislamischen Taliban und Sicherheitskräften aus ihren Heimatdörfern geflohen. Kriegsflüchtlinge seien in 25 der 34 Provinzen gezählt worden, heißt es Anfang April veröffentlichten Bericht der UN-Agentur zur Koordinierung humanitärer Hilfe (Ocha). Dies seien aber nur die verifizierten Zahlen, sagte ein Sprecher, Mohammed Maliksai.

Berichten aus den Provinzen zufolge könnte es rund 28.000 weitere Binnenflüchtlinge vor allem im Norden und im Süden des Landes geben. Mitarbeiter seien dabei, diese Zahlen zu überprüfen.  Im vergangenen Jahr waren rund 660.000 Afghanen wegen der sich verschärfenden Gewalt im Land zu Binnenflüchtlingen geworden. Für 2017 erwarten die UN mindestens 450.000 weitere Zwangsvertriebene. Die nächste Frühjahrsoffensive der Taliban steht kurz bevor.

Afghanistan ist eines der ärmsten Länder der Welt, in dem seit fast vier Dekaden Kriege oder Bürgerkriege herrschen. In den vergangenen Jahren haben sich die radikalislamischen Taliban in vielen Teilen des Landes wieder Macht und Territorium erkämpft. Die meisten religiösen Minderheiten waren während der Herrschaft der Taliban zwischen 1996 und 2001 geflohen. Die Sicherheitslage sich rapide verschlechtert, seit die Nato ihren Kampfeinsatz Ende 2014 offiziell beendet und die meisten Truppen abgezogen hat. Der Kampfeinsatz wurde von einem Ausbildungseinsatz abgelöst.