Was ist wirklich ein Notfall? Nicht jeder Patient ist ein Fall für die Notaufnahme

Wann in die Notaufnahme?
Wann in die Notaufnahme? Nicht jeder Patient ist ein Notfall 00:02:29
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Wann liegt ein Fall für die Notaufnahme vor?

Warum Wochen oder Monate auf einen Termin beim Facharzt warten, wenn ich doch ganz einfach auch in die Notaufnahme gehen kann? So denken offenbar immer mehr Patienten. Das Problem dabei ist, dass mittlerweile drei von vier Patienten gar keine Notfälle mehr sind. Wann sollte man also in die Notaufnahme gehen?

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Was ist wirklich ein Notfall? Nicht jeder Patient ist ein Fall für die Notaufnahme
© dpa, Andre Kolm

Oft wisse man erst hinterher, was wirklich ein Notfall ist - und was nicht, weiß Christian Wrede, Chefarzt des Notfallzentrums Klinikum Berlin-Buch. Es gebe jedoch Fälle, in denen man sich den Gang in die Notaufnahme sparen kann: Wer seine Tabletten vergessen hat, ein Rezept oder eine Krankschreibung benötigt, ist kein Notfall. Die Ärzte der Notaufnahme dürfen gar keine Krankschreibungen ausstellen.

Bei der Einschätzung von Einzelfällen kann auch eine Notfallnummer helfen. "Wenn es Beschwerden sind, bei denen ich als Patient das Gefühl habe, das könnte auch ein Hausarzt machen, können Kranke die Servicenummer der Kassenärztlichen Vereinigung - 116117 - anrufen", sagt Wrede. Hier beraten Bereitschaftsärzte Patienten am Telefon.

Drei von vier Patienten kein Notfall

Das Problem: Viele Patienten suchen gerade am Abend oder an den Wochenenden die Notaufnahme auf. Dabei liegt in den vielen Fällen gar kein Notfall vor. Es geht sogar inzwischen so weit, dass manche den Rettungswagen rufen und mit gepackter Tasche am Straßenrand warten, um sich ins Krankenhaus fahren zu lassen. Oder es werden Leute vorstellig, die nur unter einem verstimmten Magen leiden.

Solche Fälle haben zwei gravierende Konsequenzen: Sie verzögern und behindern die Versorgung wirklicher Notfälle, außerdem kosten sie Geld, und zwar 120 Euro pro Patient. Die Krankenkassen zahlen aber deutlich weniger. "Dann hab ich schon mal drei bis vier Millionen Euro Defizit gemacht in einer Notaufnahme. Dafür, dass ich tätig bin. Dafür, dass ich Menschen behandle", berichtet ein Notarzt.

Gerade diese letzte Aussage und auch die exzessive, nicht notwendige Nutzung von Notfallärzten und Notaufnahmen werfen aber auch einmal mehr ein interessantes Licht auf das deutsche Gesundheitssystem. Selbst wenn der Gang in die Notaufnahme oder das Wählen des Rettungsrufes nicht wirklich sein muss, so ist die Frage "Warum auf einen Termin warten, wenn ich im Krankenhaus sofort dran komme" durchaus nachvollziehbar. Außerdem mutet es eigenartig an, wenn Notaufnahmen von den Krankenkassen nicht anständig angemessen entschädigt werden. Die unangemessene Nutzung der Notfallversorgung ist nicht die Schuld der Ärzte. Es ist die Bequemlichkeit vieler Patienten, zum Teil aber auch Unwissenheit und Angst. Plötzlich auftretende Symptome kann nicht jeder vernünftig einschätzen.

Ein weiteres Problem ist der zeitliche Raum zwischen Terminanfrage beim Facharzt und dem tatsächlichen Termin. Bei manchen Krankheiten oder Verletzungen kann sich der Zustand akut verschlechtern. Diese Verschlechterung hätte möglicherweise mit einem früheren Termin verhindert werden können. In einem solchen Fall wird der Patient bestraft, weil er sich an die 'Regeln' gehalten hat, was eigentlich nicht passieren sollte.