Weltweite Reaktionen zur Bundestagswahl 2017: "'Mutti' ist zur 'Mutter der AfD' geworden"

Amerikaner erleichtert über Merkel-Sieg
Amerikaner erleichtert über Merkel-Sieg US-Korrespondet Carsten Mierke zum Wahlausgang 00:01:01
00:00 | 00:01:01

Gemischte Gefühle in den USA zum Wahlergebnis 2017

Auch wenn es keinen Wechsel an der Regierungsspitze geben wird, bedeutet das Ergebnis der Bundestagswahl 2017 eine Zäsur. Zum einen wegen des Einzugs der rechtspopulistischen AfD ins Parlament, doch mindestens ebenso sehr wegen des beispiellosen Absturzes der Regierungsparteien: Die Union verlor in nie dagewesenem Maß an Stimmen, die SPD ist mit gerade mal 20 Prozent kaum noch als "Volkspartei" zu bezeichnen. Im Ausland reagieren Medien und Politik mit einer Mischung aus Erstaunen und Entsetzen. Aus den USA berichtet RTL-Korrespondent Carsten Mierke in unserem Video von gemischten Gefühlen.

- Anzeige -

Angela Merkels Platz in den Geschichtsbüchern befleckt vom AfD-Erfolg

In Deutschlands wichtigstem Partnerland Frankreich blickt die konservative Tageszeitung 'Le Figaro' auf Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und das Ergebnis der AfD: "Ihr neuer Sieg hat sogar einen bitteren Beigeschmack. Der Platz der Kanzlerin in den Geschichtsbüchern ist befleckt vom historischen Ergebnis der Populisten von der AfD." 'Die Zeitung folgert: "'Mutti' ist zur 'Mutter der AfD' geworden."

Die liberale französische Zeitung 'L'Opinion' analysiert das Ergebnis im Hinblick auf die französischen Pläne zur Reform der Europäischen Union: "In der Linie der emblematischen Bündnisse De Gaulle-Adenauer, Giscard d'Estaing-Schmidt und Mitterrand-Kohl ist es an Emmanuel Macron, die Bedingungen für einen großen europäischen Kompromiss zu schaffen, ohne die Deutschen zu überfallen. Seit Sonntag hat der Präsident eine Verbündete, die sicher Gewicht hat, aber sehr geschwächt ist."

Ein 'normaleres' Deutschland, mit Problemen, die andere auch haben

Die Londoner 'Times' schreibt: "Angela Merkel ist nicht glücklich damit, die Anführerin der freien Welt zu sein. (…) Vierte Amtszeiten sind in Deutschland nicht ohne Beispiel. Doch sie können vergiftet sein, wie ihr früherer Mentor, der verstorbene Helmut Kohl, einst erleben musste. (…) Unterm Strich wird es die siegreiche Merkel mit einer Regierung zu tun bekommen, die von vornherein instabil ist."

Das sieht auch der 'Corriere della Sera' aus Italien so: "Instabil. So hat sich Deutschland, wider Erwarten, gestern Abend enthüllt. Das Land, das im vergangenen Krisenjahrzehnt der Anker war, der Europa vor dem Abdriften bewahrt hat, das Land, von dem man bis vor ein paar Tagen nicht glaubte, dass es Überraschungen bereithält, hat gewählt: und hat das traditionelle politische System auf den Kopf gestellt (...). Ein Ergebnis, das ein politisches Erdbeben in Deutschland ausgelöst hat, das keine Wellen der Gleichgültigkeit durch ganz Europa senden wird. Es ist ein 'normaleres' Deutschland, mit Problemen, die andere auch haben. Das ist ein Problem für alle. Der Anker ist weniger stark."

Zum Wahlergebnis der AfD: "Wer jetzt noch glaubt, er könne weitermachen wie bisher, dem ist nicht mehr zu helfen"

Der Zürcher 'Tages-Anzeiger' widmet sich dem Einzug des AfD ins Parlament. "Das ist in jeder Hinsicht eine Zäsur in der Geschichte der Bundesrepublik. Nie mehr seit deren Frühgeschichte saß eine rabiat nationalistische, islamfeindliche, in Teilen rassistische und rechtsradikale Partei im Parlament, schon gar nicht in dieser Größe. Der alte bundesrepublikanische Konsens, diese Kräfte aus dem politischen Diskurs auszuschließen, ist spektakulär zerbrochen", schreibt das Blatt.

Die 'Neue Zürcher Zeitung' sieht die AfD "in der Pflicht, ihren Kurs zu klären und sich als rechtsbürgerliche Partei im Bundestag zu positionieren. Wird sie das im Wahlkampf gezielt gepflegte Schmuddel-Image als rechtsextreme, mit rassistischem Gedankengut spielende Protestpartei nicht rasch los, wird sie die Chance vergeben, direkten Einfluss auf die deutsche Politik zu nehmen."

Deutliche Worte findet die Wiener Zeitung 'Der Standard': "Wenn man hört, was viele dieser AfD-Leute von sich geben, mit welcher Selbstverständlichkeit von 'ausmisten', von Ausgrenzung und von 'Schluss mit dem Schuldkult' die Rede ist, wird einem übel. Man darf niemals vergessen. Das alles passiert in jenem Land, von dem der Naziterror einst ausging. Nun sitzen diese Volksvertreter im Bundestag, dem Herzstück der Demokratie, und werden dort ihre Reden halten. Wer jetzt noch glaubt, er könne weitermachen wie bisher, dem ist nicht mehr zu helfen."

Egal, welche Koalition: Deutschland bleibt "der wichtigste Staat der EU"

Die Titelseite der italienischen Tageszeitung «La Stampa» am Tag nach der Bundestagswahl am 25.09.2017 in Rom zeigt Fotos von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, r) und von Alice Weidel, Spitzenkandidatin der Partei Alternative für Deutschland (AfD).
Italienische Medien zur Bundestagswahl © dpa, Lena Klimkeit, lkl lof

Die Amsterdamer Zeitung 'de Volkskrant' zieht ein düsteres Fazit: "Ein politisch zerstrittenes Parlament, keine Aussicht auf eine rasche Bildung einer neuen Regierungskoalition - so sieht die neue Normalität nun auch in Berlin aus. (…) Die Folgen dieser deutschen 'Normalisierung' dürften auch in der EU zu spüren sein."

Weniger dramatisch schätzt die konservative polnische Tageszeitung 'Rzeczpospolita' die Situation ein: "Unabhängig davon, welchen Koalitionspartner Angela Merkel wählt, bleibt Deutschland der wichtigste Staat der EU, ihre wichtigste Wirtschaft und Stabilisator der Politik in unserem Teil der Welt. Die große Koalition mit der SPD, die nach ersten Erklärungen immer weniger wahrscheinlich ist, und die kleinere Koalition mit FDP und Grünen, unterscheiden sich nur in Details", findet der Kommentator.

"Das Ergebnis der Wahlen hat die Welt schockiert."

Ein Mann liest am 25.09.2017 eine Ausgabe der türkischen Tageszeitung "Posta" in Istanbul (Türkei). Das Blatt erschien am Montag mit einem Foto Adolf Hitlers neben je einem von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und von Alice Weidel, Spitzenkandidat
Türkische Zeitungen sehen im Abschneiden der AfD bei der Bundestagswahl eine Rückkehr von Nationalsozialisten ins deutsche Parlament. © dpa, Linda Say, wst

Die rechtsliberale Madrider Zeitung 'El Mundo' glaubt: "Die langsame und schwierige Integration der mehr als eine Million ins Land gekommenen Flüchtlinge hat als erste unmittelbare Folge eine Zunahme der Fremdenfeindlichkeit und des Rassismus verursacht." Die linksliberale 'El País' findet: "Der Einzug der AfD mit fast einhundert Abgeordneten und als dritte politische Kraft des Landes in den Bundestag bestätigt die traurigen Zeiten, die die repräsentativen Demokratien in Europa und auch außerhalb des Kontinents durchmachen. Sie sind einem großen populistischen Druck ausgesetzt, sowohl von rechts als auch von links, und sie werden auch von einem äußerst unnachgiebigen und antieuropäischen Nationalismus bedrängt."

Türkische Zeitungen sehen im Abschneiden der AfD bei der Bundestagswahl eine Rückkehr von Nationalsozialisten ins deutsche Parlament. Die Titelseite der regierungsnahen Zeitung 'Posta' lautete: "Hitler im Parlament", illustriert war die Schlagzeile mit einem Hitler-Foto mit zum Nazi-Gruß ausgestrecktem Arm abgebildet. "Das Ergebnis der Wahlen, die gestern in Deutschland abgehalten wurden, hat die Welt schockiert", schreibt das Blatt.

Die regierungsnahe Zeitung 'Star' urteilt über Angela Merkel und Martin Schulz: "Sie haben Hass gesät und Enttäuschung geerntet."